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Marktwirtschaftliche Erzeugerberatung


6.4.3 Qualitätsmanagement in der Landwirtschaft

Als eigenständiger Ansatz stößt Qualitätssicherung (QS) dort an seine Grenzen, wo es darum geht, Sachverhalte und Informationen für Verbesserungen zu nutzen. QS stellt den status quo bezüglich Qualität in einem landwirtschaftlichen Betrieb fest, ist also ein eher statischer Vorgang. Der Managementaspekt, d.h. die dynamische Nutzung gewonnener Informationen zur Beseitigung von Schwachstellen und zur Einleitung von Verbesserungsprozessen kommt durch QS allein nicht zum Tragen.

Hier setzt Qualitätsmanagement (QM) an. QM hat zum Ziel, einzelne (z.B. Schweinemast, Kartoffelerzeugung) oder alle Produktionsprozesse eines landwirtschaftlichen Betriebs nicht nur zu dokumentieren, sondern hinsichtlich Qualität auch zu optimieren . QM steht somit in einer Linie mit anderen Managementaufgaben (z.B. der betriebs- oder arbeitswirtschaftlichen Optimierung) und ist Bestandteil des gesamten betrieblichen Managements. Der Kerngedanke des QM liegt darin, einen Betriebszweig oder den Gesamtbetrieb aus sich heraus nicht nur qualitätsfähig zu machen, sondern auch qualitätsfähig zu erhalten . Dieser Grundgedanke der fortwährenden Verbesserung und Anpassung ist es, der QM von QS unterscheidet. Die Teilnahme an einem Qualitätssicherungssystem (QSS) hingegen erschöpft sich in der Nachweisführung darüber, dass Anforderungen, die von außen an den Betrieb herangetragen werden, erfüllt werden.

Das Instrument zur Umsetzung des QM-Prinzips im Betrieb ist das Qualitätsmanagementsystem (QMS). Regelwerke wie die Normenreihe DIN EN ISO 9000 ff definieren branchenneutrale Anforderungen an ein QMS. Ziel dieser Normen ist es, einem Unternehmen Standards zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe ein funktionierendes und wirksames QMS eingerichtet und betrieben werden kann. Die ISO-Normen sind der am weitesten verbreitete internationale Standard. Sie sind auch auf landwirtschaftliche Unternehmen anwendbar. Ihre Nutzung erfolgt freiwillig.

Die Normenreihe wurde von der International Organization for Standardization (ISO) geschaffen und besitzt sowohl den Status einer Europäischen Norm (EN) als auch den einer deutschen Norm, anerkannt durch das Deutsche Institut für Normung (DIN). Seit der Revision im Jahre 2000 besteht die Normenreihe aus folgenden Kernnormen:

 


Im Mittelpunkt steht die DIN EN ISO 9001:2000. Sie enthält die eigentlichen Anforderungen an ein kundenorientiertes QMS. Unternehmen, die darüber hinaus ihre Gesamtleistung und vor allem ihre Effizienz noch weiter optimieren wollen, könne sich an der Norm DIN EN ISO 9004:2000 orientieren. DIN EN ISO 9000:2000 ist als „Einstiegsnorm" gestaltet. Sie beschreibt die Grundsätze von QMS, legt die Terminologie (Begriffsdefinitionen) fest und bildet insofern allgemeingültige Grundlage für die beiden anderen Normen.

Soll auf einem landwirtschaftlichen Betrieb ein ISO-konformes QMS eingeführt werden, so sind mehrere Schritte erforderlich. Voraussetzung für Management, also das systematische Leiten und Lenken von Produktionsprozessen ist, dass Klarheit über die angestrebten Qualitätsziele besteht. Die Formulierung messbarer Ziele (z.B. Muskelfleischanteil von Schlachtschweinen, Stärkegehalt von Kartoffeln) hinsichtlich Produkt- und Prozessqualität (vgl. 6.4.2) ist deshalb stets der erste Schritt.

Der zweite Schritt besteht in einer gründlichen IST-Aufnahme . In der Regel ergibt sich daraus Handlungsbedarf, da ein systematisches und selbstkritisches Hinterfragen von Produktionsbedingungen und Produktionsabläufen Schwachstellen und Defizite sichtbar macht. Gravierende Mängel werden sofort beseitigt. Aus der IST-Situation, den erkannten Mängeln und aus dem Abgleich mit den angestrebten Qualitätszielen entstehen bei dieser Schwachstellenanalyse konkrete Vorstellungen über den SOLL-Zustand des betrachteten Produktionsverfahrens oder des gesamten Betriebs.

Der so definierte SOLL-Zustand wird nunmehr schriftlich festgehalten. Übergeordnetes Hauptdokument ist das Qualitätsmanagementhandbuch (QMH) . Es enthält neben der verbalen Beschreibung der Qualitätsziele insbesondere eine Darstellung der Produktionsstrukturen sowie der Ablauforganisation einschließlich von Zuständigkeiten. Zweckmäßigerweise geschieht dies in Form von Organigrammen und Flussdiagrammen.


Abb. 2

Quelle: FCL e.V., verändert


In der Regel werden zusätzlich Verfahrensanweisungen (VA) sowie Arbeits- und Prüfanweisungen (AA, PA) erstellt, die zusammen mit dem QMH eine dreistufige QM-Gesamtdokumentation ergeben. Die VA sind Beschreibungen betrieblicher Abläufe (z.B. der Mastschweinefütterung). Wichtiges Element darin ist die Definition von Schnittstellen zu anderen Bereichen (z.B. der Futtermittellagerung) sowie Handlungsanweisungen für den Problemfall (z.B. beim Auftreten von Organbefunden). In den AA und PA wird - für Dritte nachvollziehbar - formuliert, wie bestimmte Arbeiten im Einzelnen durchzuführen sind (z.B. der Melkvorgang, das Erstellen einer Futtereigenmischung, die Wartung einer Maschine, die Melkanlagenprüfung usw.). VA, AA und PA sind betriebsspezifische Dokumente, die ausschließlich dem internen Gebrauch dienen.


Abb. 3

Quelle: LK Westfalen-Lippe, verändert


Änderungen der Kundenanforderungen (z.B. an das Mastendgewicht) oder interne Änderungen (z.B. neue Technik) lösen System- und Verfahrenskorrekturen aus und führen zur kontinuierlichen Anpassung des Systems. Bei diesen Prozessen zeigt sich, ob ein System „gelebt wird" oder ob es eine formale Hülse bleibt, die ihr Wirkungspotential nicht entfaltet.

Die DIN EN ISO 9001:2000 ist gleichzeitig Zertifizierung sgrundlage für Unternehmen, die ein QMS nicht nur als internes Optimierungsinstrument sehen, sondern ihre „Qualitätsfähigkeit" auch nach außen darlegen wollen.

Zertifikate nach DIN EN ISO 9001:2000 dürfen nur solche Personen oder Einrichtungen (z.B. AGRIZERT, TÜV, DEKRA) vergeben, die ihrerseits durch die Trägergemeinschaft für Akkreditierung GmbH (TGA) im Deutschen Akkreditierungsrat (DAR) anerkannt (akkreditiert) wurden. Zur Überprüfung eines QMS auf Normenkonformität werden routinemäßig Systemprüfungen, die sogenannten Audits durchgeführt. Ein Zertifikat bleibt in der Regel drei Jahre gültig. Voraussetzung ist jedoch, dass zur Überwachung jährliche Zwischenaudits (Qualitätsgespräche) durchgeführt werden, die keine wesentlichen Beanstandungen ergeben. Nach drei Jahren ist regelmäßig ein neues Zertifizierungsverfahren (Wiederholungsaudit) erforderlich.

Im Gegensatz zu Produktzertifikaten (z.B. DLG-Güteprüfungen) sagt ein Zertifikat jedoch nichts über die Qualität der hergestellten Produkte aus. Es bestätigt lediglich die Normenkonformität des installierten QMS und damit die potentielle Qualitätsfähigkeit des Unternehmens.


Abb. 5


Abb. 6

Quelle: Agrizert Bonn

 

Stand 28.10.02

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