50 Jahre Obstversuchsgut Heuchlingen - Zurück in die Zukunft!

Dr. Franz Rueß
LVWO Weinsberg
E-Mail:
franz.ruess@lvwo.bwl.de

Das Obstversuchsgut Heuchlingen wurde im Herbst 1953 erstmals mit Obstbäumen bepflanzt. In dem noch jungen Land Baden-Württemberg gab es zu dieser Zeit keine größere obstbauliche Versuchsanlage, die als Beispiel für die moderne Obsterzeugung hätte dienen können. Dabei bahnte sich bereits die Planung einer Umstellung des Obstbaus in ganz Baden-Württemberg an, die 1957 in den ‘Generalplan zur Neuordnung des Obstbaus in Baden-Württemberg’ münden sollte. Schon im Sommer 1953 lief die obstbauliche Standortkartierung mit dem Zweck an, die grundsätzlichen Vorarbeiten für eine Neuordnung des Obstbaus im Lande zu leisten. Die Versuchs- und Beispielsanlage in Heuchlingen sollte gewissermaßen den Maßnahmen zur Neuordnung des Obstbaus in Baden-Württemberg vorausgehen und dabei helfen Kinderkrankheiten zu verhüten. Von Beginn an wurde das Versuchsgut jährlich von tausenden Interessenten aus dem ganzen Bundesgebiet sowie den Nachbarländern besichtigt. In Heuchlingen wurden schon bald Erkenntnisse gewonnen, die für andere Planungen im Lande von großem Nutzen waren.

Bild 1: Betriebshof des Obstversuchsgutes

Dabei waren die Umstände zur Erstellung einer derartigen Anlage alles andere als günstig gewesen. Bereits 1940 wurde seitens der damaligen Leitung der ‘Weinbauschule’ in Weinsberg eine Erweiterung auf obstbaulichem Gebiet angestrebt. Verhandlungen über eine größere Obstbaufläche in Neckarsulm-Amorbach waren bereits abgeschlossen, ein Obstbaulehrer eingestellt und sogar die Pflanzpläne erstellt. Der zweite Weltkrieg verwarf diese Planungen: der Obstbaulehrer war gefallen und das Gelände dort sollte künftig für Siedlungszwecke genutzt werden. Da 1953 der Pachtvertrag für die Staatsdomäne Heuchlingen mit der Süddeutschen Zucker AG ablief, zweigte das Landwirtschaftsministerium schließlich 20 Hektar von diesem Gelände für die obstbauliche Versuchsanlage ab. Auch damals war das Geld knapp. Die Pflanzungen in Höhe von 32.000 DM wurden bereits im Herbst 1953 ausgeführt, obwohl der Landwirtschaftshaushalt noch gar nicht beschlossen war. Der Landtag sah sich beinahe vor vollendete Tatsachen gestellt, beanstandete das Vorgehen in der Sache, bewilligte aber schließlich doch die veranschlagten Mittel.

Die klimatischen Voraussetzungen für den Obstanbau in Heuchlingen sind gut. Das Gelände des Versuchsgutes liegt auf einer welligen Lettenkeuper-Ebene zwischen Kocher und Jagst mit einer durchschnittlichen Höhe von 200 m über NN. Da sich die beiden Flüsse an dieser Stelle bis auf 1250 m nähern, kommt fast das Bild eines Höhenrückens zustande. Das Gelände fällt im Nordwesten zur Jagst und im Südosten zur Kocher hin ab. Die im Vergleich zur umgebenden Landschaft relativ hohe Lage bietet gute Abflussmöglichkeiten für Kaltluft, dadurch ist das Spätfrostrisiko gering. Bezüglich der Windlage sind die Verhältnisse etwas ungünstiger. Die nach allen Himmelsrichtungen freie Lage, umgeben von Zuckerrüben- und Krautfeldern, bietet keinen natürlichen Schutz vor Windeinflüssen. Die hauptsächlich  vorherrschende Windrichtung ist Westen. Aus diesem Grund wurde die Anlage rundum mit Walnusshochstämmen bepflanzt. Die Erweiterungspflanzung von 1975 ist mit Süßkirschenhochstämmen eingegrenzt. Die Niederschläge betragen im langjährigen Mittel 632 mm und sind weitgehend gleichmäßig auf die einzelnen Monate verteilt. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 9,3 ° C. Eine zusätzliche Bewässerung vor allem der Jungpflanzen ist jedoch unumgänglich und mittlerweile Standard geworden. Bei älteren Beständen übernimmt der hervorragende geologische Untergrund mit einer 12,5 Meter mächtigen Lößdecke die Wasserversorgung.

Von Beginn an beschäftigte sich das Obstversuchsgut mit allen Obstkulturen. Die Anbaufläche gliedert sich derzeit auf in rund 11,5 ha Äpfel, 1,5 ha Birnen, 2 ha Beerenobst (Himbeeren, Johannisbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren), 1 ha Zwetschen, Pfirsiche und Aprikosen, 3 ha Süß- und Sauerkirschen und 2 ha Wal- und Haselnuss. Neben der Bewirtschaftung gemäß den Richtlinien des Integrierten Anbaus findet auf 2 ha auch eine ökologische Erzeugung von Obst statt. 1975 wurde die Gesamtfläche auf 34 ha vergrößert. Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO), zu der das Obstversuchsgut gehört, hat mittlerweile ihre obstbaulichen Versuchsflächen nahezu komplett nach Heuchlingen verlagert.

Bild 2: Pflanzenschutz im Obstbau der 60er Jahre

In den 50 Jahren seines Bestehens hat das Obstversuchsgut Heuchlingen alle obstbaulichen Entwicklungen dieser Zeit durchschritten und auch entscheidend mitgeprägt. Zu Beginn wurden noch Hochstammanlagen mit den Sorten Champagner Renette, Goldparmäne oder Glockenapfel auf Sämlingsunterlage in Mischung mit neueren schwachwuchsinduzierenden Unterlagen als „Bleiber/Weicher - Pflanzung" erstellt. Sehr schnell zeigten sich die Vorzüge schwachwuchsinduzierender Unterlagen für den Intensivobstanbau, so dass die ursprünglich geplanten "Bleiber" (die Hochstämme) zu den "Weichern" wurden. Der Produktions- und Marktwert der damals noch neuen Sorte ‘Golden Delicious’ wurde rasch erkannt und das Sortiment entsprechend umgestellt. In Form der Mutante ‘Golden Delicious, Typ Weinsberg’ sind die geleisteten Selektionsarbeiten in die obstbauliche Geschichte eingegangen.

Bild 3: Pflanzenschutz im Obstbau heute

Neben den Neuentwicklungen im Sortiments- und Unterlagenbereich wurde auch der gesamte Bereich der Kulturführung ständig weiter vorangebracht. Der technische Fortschritt allein im Bereich des Pflanzenschutzes war enorm. Während in den 50er Jahren die Behandlungen noch mit handgeführten Spritzpistolen mühselig ausgebracht wurden, testete man in den 60er Jahren den Einsatz von Hubschraubern. Heute werden abtriftarme Tunnelsprühgeräte eingesetzt. Bis 1974 standen auf dem Obstversuchsgut keine Lagerräume und Maschinenhallen zur Verfügung. Die modernen Lagerhallen wurden erst 1975 geschaffen und im Jahr 2000 komplett renoviert und saniert.

Ziel und Aufgabe des Obstversuchsguts Heuchlingen war und ist die praxisorientierte Forschung. Neuentwicklungen werden unter Praxisbedingungen im Freiland auf ihre Praxistauglichkeit geprüft. Der Versuchsbetrieb soll dem Anbauer zur Anschauung und Anregung dienen. Mit Neuentwicklungen wie beispielsweise krankheitsresistenten Sorten, Überdachungskonstruktionen für Süßkirschen und Himbeeren, neuen Erziehungsformen für Kirschen und Zwetschen, der Weiterentwicklung des ökologischen Obstbaus oder der in Deutschland im Obstbau einzigartigen Kälteanlage mit umweltfreundlicher Ammoniak-Sole-Technik stellt sich das Obstversuchsgut Heuchlingen auch künftig den Herausforderungen der praxisorientierten Forschung.

 


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