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Deckungsbeitragsrechnung im Weinbau

 

Uwe Michelfelder

LVWO Weinsberg

 

 

Es wäre wünschenswert, wenn jeder Winzer einmal im Leben die Deckungsbeiträge seines Unternehmens berechnen würde. Üblicherweise liefert die Meisterprüfung oder die Technikerprüfung dafür den gegebenen Anlass. Sinnvoll ist es natürlich öfter den Stift und den Taschenrechner hervorzuholen - oder den PC einzuschalten.

 

 

Der Weg zum Deckungsbeitrag

 

1.  Etappe: Rechenformel und Kostenbegriffe

 

Bevor Zahlen addiert, subtrahiert, multipliziert und dividiert werden können ist es nötig sich darüber klar zu werden, was gerechnet werden soll. Es lässt sich hier nicht vermeiden zunächst etwas Theorie zu betreiben.

 

Der Deckungsbeitrag ist definiert als „Erlös minus variable Spezialkosten“. Der Begriff „Erlös“ ist wohl am ehesten bekannt. Die Erlöse errechnen sich aus der Menge der verkauften Produkte und dem dazugehörigen Verkaufspreis. Weitere Leistungen wie Ausgleichszahlungen und Prämien kommen noch dazu.

 

Die „variablen Spezialkosten“ sind im allgemeinen Sprachgebrauch weniger geläufig, daher müssen die Begriffe exakt definiert werden. Man versucht die anfallenden Kosten dem Produkt (z. B. der Literflasche Müller-Thurgau) zuzuordnen. Dabei wird unterschieden zwischen Spezialkosten (oder Einzelkosten), die eindeutig und ohne große Rechnerei dem Produkt zuordenbar sind, und Gemeinkosten, die nicht eindeutig zuordenbar sind, sondern über einen Verteilerschlüssel umgelegt werden müssen. Weiterhin muss zwischen variablen und festen Kosten unterschieden werden. Dies lässt sich am besten begreifen, wenn man sich vorstellt was sich verändert, wenn man statt 5 ha jetzt 5,5 ha bewirtschaftet oder statt 100.000 l Wein 105.000 l Wein ausbaut. In Abbildung 1 ist die Gliederung der Kosten im Überblick zusammengefasst. 

 

Materialkosten

 

 

proportionale

Kosten

 

 

variable Fremdleistungskosten

 

= Direktkosten

variable

Spezialkosten

 

variable Arbeitskosten

 

 

 

Einzelkosten

(Spezialkosten)

 

 

 

 

 

Kapitalkosten der

Spezialmaschinen

 

 

 

feste

 

Lohnkosten

der festen Spezial-Ak

 

 

Spezialkosten

 

 

 

 

 

 

feste Arbeitskosten

 

 

 

 

 

Kapital- und Unterhaltungskosten

 

 

 

 

Gemeinkosten

Betriebssteuern, Lasten, usw.

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Gliederung der Kosten nach ihrer Zurechenbarkeit

2.  Etappe: Daten sammeln

 

Wenn klar ist, was gerechnet werden soll, beginnt das große Sammeln. Viele Informationen, Daten und Zahlen müssen zusammengestellt werden. Dieser Schritt verursacht erfahrungsgemäß den größten Zeitaufwand und die meiste Mühe. Höchstwahrscheinlich ist es auch der Hauptgrund für die geringe Begeisterung der Praxis für die Deckungsbeitragsrechnung. Dabei kann mit ein wenig kontinuierlichem Aufwand die nötige Datenbasis geschaffen werden.

 

Vorgehensweise

 

Die Berechnung der Leistungen geht relativ rasch. Unter Leistungen versteht man die Erlöse der verkauften Produkte (Hauptprodukte und Nebenprodukte), sowie weitere Einnahmen wie zum Beispiel staatliche Ausgleichsleistungen (MEKA, FUL). Wichtig ist es hier realistische Erträge und Preise zu verwenden. Langjährige Durchschnitte sind gefragt, nicht einmalige Highlights!

 

Umfangreicher ist die Zusammenstellung der Kosten. Zu Beginn listet man sich alle Arbeitsgänge auf, die im Laufe der Jahres im Weinberg und gegebenenfalls im Keller anfallen. Diese werden dann ergänzt durch den Arbeitszeitaufwand, die benötigten Maschinenstunden sowie die verwendeten Materialien. Zur besseren Vergleichbarkeit werden alle Daten auf ein Hektar bezogen. Von dieser Grundlage ausgehend können die variablen Maschinenkosten und die variablen Arbeitskosten (das heißt die Kosten für die stundenweise bezahlten Saisonkräfte) berechnet werden. Ein Erfassungsformular wie in Tabelle 1 dargestellt kann hilfreich sein. Weitere variable Kosten wie z. B. Bewässerungskosten und Hagelversicherung dürfen nicht vergessen werden.

 

Tabelle 1: Erfassungsformular

Verfahren:

z. B. :

Riesling,

Direktzug,

Spalier,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeitsschritt

Akh/ha

Schlepper/ Maschinen

Masch.Std.

Variable Masch.- kosten

Materialkosten

Kosten
Saison - Ak

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Datenquellen

 

Datenquellen für die Leistungen sind Genossenschaftsabrechnungen und Ablieferungsbelege. Für Selbstvermarkter dienen das Kellerbuch und die Statistikfunktion des Verkaufsprogramms als Informationsquelle. Wer keine EDV in der Vermarktung einsetzt darf beim Errechnen der Durchschnittserlöse auf keinen Fall Verluste durch Bruch, Weinproben, sowie Rabatte vernachlässigen.

 

Für die Berechnung der variablen Kosten sind Pflanzenschutzpläne und Düngepläne unerlässlich. Eigene Aufzeichnungen bei den Arbeitszeiten und weiteren Materialkosten sind sehr wertvoll, weil sie tatsächlich zutreffen. Schlagkarteien sind im Weinbau leider nicht sehr verbreitet, sie wären die ideale Datenquelle. Der Griff zur KTBL - Datensammlung ist immer nur die zweitbeste Lösung. Bei der Berechnung der variablen Maschinenkosten ist das aber fast unumgänglich.

 

 

3. Etappe: Rechnen

 

Zum Schluss werden alle variablen Kosten addiert und für diese Summe ein Zinsansatz gemacht. Der Zinsansatz beruht auf der Überlegung, dass man das gesamte Geld, das im Laufe des Jahres für die Bewirtschaftung eingesetzt wird, auch auf einer Bank zinsbringend hätte anlegen können. Dieser „entgangene Nutzen“ wird dem Verfahren als Kosten angerechnet.

 

Zu entscheiden ist jetzt noch über den Zinssatz und die Dauer der Kapitalbindung für diesen Zinsansatz. Zunächst möchte ich die Überlegungen zur Kapitalbindungsdauer erklären. Sicher ist der Rebschnitt die erste Arbeit, die in einer Ertragsrebanlage anfällt. Die Kapitalbindung für die hier anfallenden variablen Kosten ist somit am längsten. Die variablen Kosten der Lese bilden die andere Seite, sie fallen ganz am Ende an. Wann ist überhaupt das Ende der Kapitalbindung erreicht? Üblicherweise wird hier der Zeitpunkt angesehen zu dem die Trauben in der Kelter ankommen. Sobald die Trauben vom Genossenschaftswinzer abgeliefert werden, entsteht für ihn eine Forderung gegenüber seiner Genossenschaft und damit Ertrag in der Buchführung, obwohl noch kein Geld geflossen ist. Dasselbe gilt für denjenigen, der seine Trauben an eine Privatkellerei verkauft. Für den Selbstvermarkter erhöhen sich bei Ankunft seiner Trauben im eigenen Kelterhaus die Vorräte in der Buchführung. Dies ist ebenfalls ein Ertrag und auch hier ist noch kein Geld geflossen. Wie man sieht ist die Dauer der Kapitalbindung hier sehr unterschiedlich. Man einigt sich daher in der Regel auf eine durchschnittliche Kapitalbindungsdauer von sechs Monaten.

 

Für den zu verwendenden Zinssatz gilt, dass er einer Kapitalanlageform mit vergleichbarer Laufzeit entsprechen soll. Das wären in unserem Fall die sechs Monate. Gerne wird hier mit 6% gerechnet. Das klassische Sparbuch mit gesetzlicher Kündigungsfrist, was eine Kapitalbindung von drei Monaten bedeutet, hat heute eine Verzinsung mit einer zwei vor dem Komma. Da das Kapital in dieser Deckungsbeitragsrechung etwas länger angelegt wird, könnte man sich auf 4 % einigen.

 

Der Zinsansatz wird in diesem Falle dann nach folgendem Schema berechnet:

„Summe variable Kosten x Zinssatz x 0,5 (da wir das Kapital nur ein halbes Jahr festlegen).“

 

Im letzten Schritt wird die Summe der variablen Spezialkosten von den Leistungen abgezogen und man erhält den Deckungsbeitrag. Alle zur Berechnung des Deckungsbeitrags notwendigen Schritte sind in Abbildung 2 noch einmal übersichtlich dargestellt. In Tabelle 2 sehen Sie ein Beispiel für eine Deckungsbeitragsrechnung.

 

 

  1. Die Marktleistungen und ggf. gezahlte Ausgleichsleistungen (z. Bsp. MEKA) zusammenstellen.
  2. Alle Arbeitsgänge auflisten, einschließlich der benötigten Maschinenstunden.
  3. Daraus die variablen Maschinenkosten, pro Arbeitsgang und insgesamt, berechnen.
  4. Die benötigten Materialien auflisten und daraus die Materialkosten zusammenstellen.
  5. Alle weiteren variablen Spezialkosten auflisten (z. Bsp. Hagelversicherung, Bewässerung).
  6. Den Zinsansatz für die Kapitalfestlegung während der Produktionsphase berücksichtigen.
  7. Alle variablen Kosten, inklusive Zinsansatz, summieren.
  8. Die variablen Kosten von den Leistungen abziehen.
  9. Als Ergebnis erhält man den Deckungsbeitrag.

Abbildung 2: Vorgehensweise bei der Berechnung eines Deckungsbeitrags


 

Tabelle 2: Beispiel für eine Deckungsbeitragsrechnung, Einheit: 1 ha, inkl. MwSt.

Produktionsverfahren

Riesling, Direktzug, 2 m x 1,25 m,
Spaliererziehung, bewegliche Heftdrähte,
Ertragsanlage, Traubenverkauf

Leistungen

Trauben 12.000 kg x 0,98 €/kg =

11.760,00

Variable Spezialkosten:

 

 

Düngung

 

116,00

Pflanzenschutz

 

696,00

variable Maschinenkosten

 

367,00

Kosten für Saison - Ak

 

1.500,00

Bindematerial

 

46,40

Reparaturmaterial

für Drahtanlage

58,00

Zwischensumme

 

2.783,40

Zinsansatz

2.783, 40 € x 4% x 0,5

55,67

Summe inkl. Zinsansatz

 

2.839,07

Deckungsbeitrag
= Erlös - variableSpezialkosten inkl. Zinsansatz

 

8.920,93



Besonderheiten bei Dauerkulturen

 

Dauerkulturen sind Kulturen, die mehr als eine Vegetationsperiode stehen und dabei mehrmals Erträge liefern. Dies trifft auch für die Rebe zu und daraus ergeben sich für die Kostenrechnung einige Konsequenzen. Es müssen mehrere Ertragsphasen im Laufe der Standzeit einer Anlage unterschieden werden. Es gibt Phasen ohne Ertrag (das Pflanzjahr), dann Phasen mit zunehmendem Ertrag (die Jungfeldjahre) und die Jahre mit vollem Ertrag. Schon die Erstellung der Anlage verursacht hohe Kosten. Diese müssen in der Buchführung aktiviert und auf die Laufzeit der Anlage abgeschrieben werden. Sie verursachen also Festkosten. Um dies einigermaßen zu berücksichtigen berechnet man für jede Ertragsphase jeweils einen Deckungsbeitrag und bildet daraus einen gewichteten Durchschnitt. Man nennt dies „Aggregieren der Deckungsbeiträge“. In Abbildung 3 ist ein Beispiel für einen Aggregation dargestellt.

 

Dauer der einzelnen Phasen: 25 Jahre Standzeit der Anlage insgesamt,

                                                           1 Jahr Neuanlage,

                                                           2 Jahre Jungfeldphase,

                                                           22 Jahre Ertragsphase

 

Berechnung des aggregierten Deckungsbeitrags (DB):

                                                           DB Neuanlage   x 1/25

                                                           + DB Jungfeld   x 2/25

                                                           + DB Ertragsphase       x 22/25

                                                           = aggregierter DB

Abbildung 3: Aggregieren der Deckungsbeiträge der einzelnen Ertragsphasen

 

 

Das Ziel des Weges ist erreicht

 

Wer diesen teilweise steilen Weg gegangen ist, der weiß schon sehr viel mehr über seinen Betrieb und seine Wirtschaftsweise als zuvor. Es ist sehr wertvoll, wenn man die variablen Spezialkosten für die verschiedenen Sorten und Bewirtschaftungsverfahren vorliegen hat. Die großen Kostenblöcke sind zu ersichtlich und Ansatzpunkte für Verbesserungen werden klarer erkennbar. Der Deckungsbeitrag wird auch definiert als der „Beitrag zur Deckung von Festkosten und Gewinn“. Beim Vergleich der verschiedenen Deckungsbeiträge im Betrieb lässt sich erkennen welche Sorte beziehungsweise welche Bewirtschaftungsweise welchen Beitrag zur Deckung der noch verbliebenen Kosten und zum Gewinn leistet.

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