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Auswirkungen der Klimaveränderung in der mittleren Neckarregion auf die Phänologie der Sorte Golden Delicious

 

 

LVWO Weinsberg

 

 

Die Erhebung phänologischer Daten im Rahmen der Leistungsprüfung von Obstgehölzen wird oft stiefmütterlich behandelt und eher als Beiwerk des obstbaulichen Versuchswesens angesehen. Leistungskriterien wie Ertrag, Wuchsstärke, Fruchtgrößensortierung und Deckfarbenanteile stehen im Vordergrund, da sie sich unmittelbar auf den finanziellen Erfolg und das Handling einer Obstsorte auswirken. Phänologische Daten werden allenfalls zur Beurteilung der Spätfrostgefahr während der Blütezeit oder zur Ermittlung des Erntefensters einer Sorte herangezogen. Der Versuchszeitraum zur Erhebung derartiger Daten beträgt bei Kernobst etwa 6 Jahre, danach wird der Versuch beendet.

 

Längerfristige Aufzeichnungen phänologischer Daten wie Austriebsbeginn, Vollblüte und Erntetermin verschiedener Obstarten führt der Deutsche Wetterdienst (DWD) durch. Die Obstgehölze dienen bei diesen Beobachtungen als Bioindikatoren für die Klimaentwicklung oder zur Beurteilung der Vegetationsentwicklung des aktuellen Jahres. Die Ergebnisse dieser Erhebungen werden im "Phänologie-Journal" des Deutschen Wetterdienstes veröffentlicht und liefern Erkenntnisse über die Klimaentwicklung in Gesamteuropa oder geographisch größeren Gebieten. Diese Aussagen werden aber umso ungenauer, je kleinräumiger oder gar kulturspezifischer die Daten ausgewertet werden.

 

Bei den vorliegenden Auswertungen der phänologischen Daten der Sorte Golden Delicious konnte auf eine nahezu lückenlose Datenreihe aus zwei Betriebsteilen der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO) seit dem Jahre 1962 zurückgegriffen werden. Die Datenserie reichte sogar noch bis in das Jahr 1955 zurück, aber erst seit 1962 wird die Sorte Golden Delicious phänologisch erfasst. Zudem wurden die Daten ab diesem Zeitpunkt in Niederstammanlagen mit mittelstarken bis schwachwachsenden Unterlagen erhoben. Dem Kollegen im Ruhestand Helmut Hübner sei an dieser Stelle für die akribische und saubere Dokumentation über  den Großteil dieser Jahre gedankt.

 

In diesem Zeitraum wurden jährlich die phänologischen Merkmale Austrieb (Mausohrstadium, C3 nach Fleckinger, BBCH 54), Vollblüte (F2 nach Fleckinger, BBCH 65) und Erntebeginn (1. Pflücke) erhoben. Aus der Differenz von Vollblüte und Erntebeginn wurde der Tagwert errechnet. Von 1962 bis 1992 wurden die Daten im Betriebsteil 'Weinsberg' ermittelt, nach Auflösung dieses Betriebsteiles anfangs der 90er Jahre dann auf dem Staatlichen Obstversuchsgut Heuchlingen bei Bad Friedrichshall. Die jährliche Durchschnittstemperatur im Betriebsteil 'Weinsberg' beträgt 9,6 °C (Mittel von 1961 - 1990), der Betriebsteil 'Heuchlingen' ist mit 9,5 °C Jahresdurchschnitt geringfügig kälter. Beide Betriebsteile liegen zentral in der Anbauregion 'Mittlerer Neckar'.

 

Wie die Auswertungen zeigen, hat sich die Blüte von Golden Delicious in einem Zeitraum von 45 Jahren vom 7. Mai auf den 26. April verschoben (siehe Abb. 1). Die Blüte ist somit heute 11 Tage früher als in den 60er Jahren. Das gleiche Bild zeigt sich auch bei der Austriebsbonitur (kein Schaubild). Der Austrieb hat sich statistisch gesehen ebenfalls um 13 Tage vom 10.4. auf den 27.3. verschoben. Tatsächlich liegt er mittlerweile sogar um den 20. März. Diese Abweichung von der statistischen Berechnung ist auf fehlende Daten in den 70er Jahren und sehr späte Austriebswerte anfangs der 80er Jahre zurückzuführen.

 

 

Abb. 1: Entwicklung der Blühzeiten 1962 - 2007, rote Linie = Regressionsgerade (Trend),

r = -0,45 (negative Korrelation, mittlere Genauigkeit), y = 622,97 - 0,25 x

 

 

Der Erntebeginn hat sich vom 11. Oktober anfangs der 60er Jahre auf den 18. September im Jahre 2008 nach vorne verschoben, das heißt, er ist sogar um 23 Tage früher (siehe Abb. 2). Das mag auf den ersten Blick unlogisch erscheinen, lässt sich aber durch die gegenüber den 60er Jahren gleichfalls höheren Sommertemperaturen (siehe Artikel Dr. Rupp in diesem Heft) erklären. Die Temperaturansprüche der Sorte Golden Delicious werden durch die höheren Temperaturen während der Vegetation offenbar besser befriedigt, sprich die erforderliche Temperatursumme bis zur Reife wird früher erreicht.

 

Abb.2: Entwicklung der Erntetermine 1962 - 2007, rote Linie = Regressionsgerade (Trend),

r = - 0,70 (negative Korrelation, hohe Genauigkeit), y = 1284,65 - 0,51 x 

 

 

Dies zeigt auch die Veränderung des Tagwerts (Abb. 3), worunter man die Anzahl der Tage von der Blüte bis zur Ernte versteht. Dieser Wert wurde von ursprünglich 157 Tagen anfangs der 60er Jahre auf mittlerweile 145 Tage gestaucht, d.h. es sind 12 Tage weniger erforderlich.

 

 Abb. 3: Entwicklung des Tagwerts von 1962 - 2007 (Tagwert = Zeit zwischen Vollblüte und Ernte in Tagen),
rote Linie = Regressionsgerade (Trend),  r = - 0,39 (negative Korrelation, geringe Genauigkeit), y = 661,69 - 0,26 x

 

 

Alle Rechenmodelle zeigen eine negative Korrelation zwischen dem Zeitfaktor (Jahr) und dem phänologischen Ereignis. Die statistische Genauigkeit der Aussagen wird als mittel bis hoch eingestuft. Wenn sich der errechnete Trend so fortsetzt, wird im Jahr 2020 der Austrieb von Golden Delicious in der mittleren Neckarregion voraussichtlich am 23. März, die Vollblüte am 22. April und die Ernte am 11. September sein. Wie die Schwankungsbreiten der vergangenen Jahre in den Grafiken zeigen, können die Zeiträume später, aber auch erheblich früher sein.

Während man aufgrund des langen Vegetationsanspruchs zu Beginn der 90er Jahre in der Neckarregion noch kritisch über den Anbau von Spätsorten wie Braeburn diskutiert hat, ist das heute kein Thema mehr. Längst hat der Anbau von Braeburn die Main-Linie überschritten. Auch extreme Spätsorten wie Pink Lady ® können zumindest in den Anbauflächen nahe des Neckars problemlos angebaut werden. Ebenso hat sich der Erntebeginn bei den sehr frühen Sorten deutlich nach vorne in Richtung Mitte Juli verschoben, so dass sich auch hier neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnen.

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