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Beweidung

Wisente in der Landschaftspflege


  1. Einleitung 
  2. Eignung zur Landschaftspflege
  3. Haltung/ Lebensraum
  4. Nutzung
  5. Literatur
  6. Links

1. Einleitung

Der Wisent (Bison bonasus) war noch bis in das frühe Mittelalter hinein verbreitet in den Urwäldern ganz West-, Zentral- und Südosteuropas. Heute ist er mit ca. 1.000 wildlebenden Flachlandwisenten in Polen, Russland und der Ukraine und 2.500 wildlebenden Bergwisenten im Kaukasus (auch Kaukasus-Wisent genannt) das einzig überlebende Wildrind Europas, wobei diese Tiere alle von wenigen Individuen  abstammen, die den ersten Weltkrieg in Zoos überlebt haben (WOLINSKI NATIONAL PARK 1995). Die genetische Basis der zwei Wisent-Linien ist daher sehr schmal.

Der letzte wildlebende Flachlandwisent wurde 1921 gewildert (MOHR 1952 in GRAAFF 2002), der letzte kaukasische 1927 (JAHN 1966 in GRAAFF 2002). In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten wieder erste Tiere  - zunächst im Flachland-Urwald von Białowieża in Ostpolen, dann mit dem Wachsen der Herde auch in anderen Regionen – ausgewildert werden (TRAPANI 1997). Ziel ist nun, für jede Linie eine Population von 3.000 wildlebenden Tieren zu erreichen, als die Mindestzahl für eine sich selbst erhaltende Population. Inzwischen (Stand 2008) existieren wieder über 30 frei lebende Wisentgruppen in Polen, Weißrussland, Litauen, Russland, Kirgisien, Rumänien, der Slovakei und der Ukraine (TILLMANN 2008). Zusätzlich werden Wisente in Zoos, Wildparks und Gehegen gehalten und dienen als Quelle für Wiederansiedlungen und für möglicherweise unterrepräsentierte genetische Variationen.

 

Der nächste Verwandte des Wisents, der nordamerikanische Bison (Bison bison), sieht dem europäischen Wisent sehr ähnlich und ist mit diesem uneingeschränkt kreuzbar, so dass gelegentlich von einer einzigen Art ausgegangen wird. Unterscheidungsmerkmale sind kürzere Haare, ein höherer Widerrist, längere Hörner und einen längerer Schwanz. beim Wisent.

 

2. Eignung zur Landschaftspflege

Ursprünglich in den gemäßigten Laub-, Nadel- und Mischwäldern Europas und ihren angrenzenden offenen Gebieten beheimatet, eignet sich der Wisent insbesondere zur Offenhaltung von Waldlichtungen und Hutewaldflächen. Um zu fressen werden Gegenden bevorzugt, deren Vegetation wenigstens 20 Jahre alt ist (JEDRZEJEWSKI ET AL. 1002 u.a. in TRAPANI 1997). Der Wisent ist zwar im wesentlichen ein Graser, der sich hauptsächlich von Gräsern und Kräutern ernährt, er weidet aber auch Büsche ab und schält gelegentlich Bäume und bringt sie so zum Absterben. Ohne Bäume und Büsche beweiden zu können, gedeiht der Wisent nicht gut (WENDT mdl., 23.02.2003).

 

Aufgrund seiner Größe und als Wildtier ist er für die übliche landwirtschaftliche Koppelhaltung zur Fleischproduktion kaum geeignet - sie wäre auch in der Regel nicht artgerecht. Großflächig gehalten kann der Wisent unter halbfreien Bedingungen auch in Deutschland zur Offenhaltung und Landschaftsstrukturierung beitragen. 

Befragungen von Anwohnern ehemaliger Truppenübungsplätze in Nordostdeutschland im Herbst 2001 kamen zu dem Ergebnis, dass eine Offenhaltung durch Wildbeweidung die größte Akzeptanz in der Bevölkerung besitzt, da sie als am natürlichsten angesehen wird (BURKART u.a. 2001).

 

3. Haltung/ Lebensraum

Lebensraum/ Haltung: Der Wisent ist ein Herdentier und bildet entsprechend dem Lebensraum Wald kleine Gruppen: Kühe mit Jungtieren in Gruppen von 12 - 20 Tieren, die von einer erfahrenen Kuh mit Kalb geleitet werden,  sowie junge Bullen (bis 4 Jahre, danach sind die Bullen häufig in der Nähe zum Platzbullen zu finden und es kommt zu heftigen Kämpfen, auch mit tödlichem Ausgang [WENDT mdl., 23.02.2003]). Ältere Bullen sind mit Ausnahme der Brunftzeit von August bis Oktober i.d.R. Einzelgänger. Wo Winterfütterung betrieben wird, schließen sich die Tiere für diesen Zeitraum zu großen Gruppen zusammen und bleiben i.d.R. in der Nähe des zugefütterten Heus. Die Gruppenmitglieder tendieren dazu, ihre Aktivitäten gleichzeitig auszuüben. So verbringen die Kuhgruppen ca. 60% ihrer Tageszeit mit Fressen, 32% mit Ruhen und 8% mit Herumlaufen. Die Wintergruppen verbringen dagegen nur 30% der Zeit mit Fressen und 60% mit Ruhen. Je nach Gruppengröße und Jahreszeit liegt dementsprechend die Reviergröße für eine Gruppe bei 4600 – 5600 ha, wobei die Reviere jedoch zu einem großen Teil überlappen (CABON-RACZYNSKA ET AL. 1987 u.a. in TRAPANI 1997).

Für die Haltung in Gehegen wird gemäß den "Leitlinien für eine tierschutzgerechte Haltung von Wild in Gehegen" von 1995 (s. u.) für jedes erwachsene Tier eine Mindestfläche von 5000 m² gefordert (= 0,5 ha). Gemäß der Aktion Wisenthilfe der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in Nordrhein-Westfalen ist für eine artgerechte Haltung eine Gruppengröße von 20 – 25 Tieren und eine Gehegefläche von 300 – 500 ha erforderlich. Die maximale Anzahl von Tieren auf 1000 ha hängt sicherlich auch vom Biotoptyp ab, wenn man aber bedenkt, dass im Białowieża-Urwald nur 6 – 7 Tiere/ 1000 ha vorkommen, erscheinen diese Werte doch sehr niedrig.

 

Nahrung: Mit einem Gewicht von 400 – 1000 kg für Stiere und 300 – 600 kg für Kühe benötigen Wisente täglich eine große Menge an Futter. So fressen männliche Wisente während des Sommers, wenn am meisten Futter vorhanden ist, bis zu 32 kg TS am Tag, weibliche Tiere bis zu 23 kg TS. Diese Nahrung besteht Untersuchungen zufolge je nach Jahreszeit zu 65 – 70% aus Gräsern und Riedgräsern, zu 18 – 25% aus Moosen, Farnen und Pilzen, zu 4 – 10% aus Bäumen, zu 1 – 8% aus krautigen Pflanzen und zu 0,1 – 1,5% aus Büschen (GEBCZYNSKA ET AL. 1991 in TRAPANI 1997). Eine Zufütterung von Heu im Winter wie sie im Białowieża-Nationalpark traditionell schon seit dem Schutz der Wisente durch den Polnischen und Litauischen Adel betrieben wird, ist wahrscheinlich nicht notwendig für das Überleben und führt zu keiner wesentlichen Änderung dieser Anteile. Wisente müssen fast jeden Tag trinken, wobei im Winter das Wasser auch durch Schnee fressen gewonnen werden kann (CABON-RACZYNSKA ET AL. 1987 u.a. in TRAPANI 1997)

 

Charakter: Wisente sind i.d.R. nicht aggressiv, sie fliehen eher vor dem Menschen. Ausnahme sind Kühe mit Kälbern und Stiere während der Paarungszeit (CABON-RACZYNSKA ET AL. 1987 in TRAPANI 1997). Ein altes Sprichwort besagt: „Der Wisent lernt leicht aber ungern.“ Einem ungarischen Graf ist es gelungen mit Wisent-Gespann zum Landtag vorzufahren, sonst kann jeder Züchter erzählen, dass Wisente nur das lernen, von dem sie Nutzen (oder Freude) haben können (WENDT 1999).

 

Fortpflanzung: Paarungszeit ist in freier Wildbahn August bis Oktober – je mehr zugefüttert wird, desto mehr benehmen sich Wisente wie Rinder und können zu jeder Zeit brunftig werden (WENDT mdl., 23.02.2003); nach einer Tragzeit von ca. 9 Monaten kommen im Mai bis Juli die Kälber zur Welt. Zur Geburt ihres Kalbes verlassen die Kühe die Herde. Die Kälber können schon wenige Stunden nach der Geburt mit der Herde mitlaufen. Die Laktationsperiode dauert i.d.R. ein Jahr, aber wenn kein neues Junges geboren wird, kann sie sich auch auf ein zweites Jahr ausweiten. Ca. 50% der Wisentkühe bekommen jedes Jahr ein Kalb, die anderen jedes zweite. Die Tiere sind mit ca. 4 Jahren geschlechtsreif. Kühe bekommen dann meist ihr ersten Kalb und bleiben fruchtbar bis sie um die 20 Jahre alt sind, wogegen die Bullen oft noch warten müssen, um sich erfolgreich paaren zu können, dann aber fruchtbar bis zum Ende ihres Lebens sind. Die Lebenserwartung beträgt um die 25 Jahre (CABON-RACZYNSKA ET AL. 1987 u.a. in TRAPANI 1997).

Kreuzungen zwischen Wisenten und Hausrindern sind möglich, wobei die männlichen F1-Nachkommen unfruchtbar sind. Durch Rückkreuzungen können jedoch fruchtbare männliche Wisente erzielt werden.

 

Zucht:

  • Bauen Sie die Zuchtarbeit mit Kühen auf.
  • Um Inzucht zu verhindern ist es leichter, Bullen zu ersetzen. Diese werden immer als Überschuss zu haben sein.
  • Behalten Sie den Bullen nicht zu lange. Mit 7-8 Jahren fängt er an zu "spielen", was für die Gehegekonstruktionen zerstörend wirken kann. In dem Alter ist seine Tochter (oder Töchter) geschlechtsreif und sollte vom Vater nicht gedeckt werden.
  • Besorgen Sie den Ersatzbullen durch Zuführung eines 2jährigen Kalbes in dem Jahr, wo der Bulle 5-6 Jahre alt ist. In dem Alter (2 Jahre) kann man den Wisent leicht hantieren und er wird auch, meistens, von der neuen Familie aufgenommen (WENDT – WISENTNACHRICHTEN 1999).

 

4. Nutzen

Da es sich beim Wisent um ein gefährdetes Wildtier handelt, wird eine herkömmliche Nutzung (Fleisch) i.d.R. nicht in dem Maße wie bei Hausrindern durchgeführt. Nur überzählige Tiere werden zur Fleischerzeugung genutzt.

Wildtierbeweidung eignet sich neben der naturschutzfachlichen Wirkung v.a. für die direkte Verbindung mit einer Erholungsnutzung/Tourismus.

Kosten für die Wildtierbeweidung bestehen i.d.R. aus Lohnkosten für Gehegemanagement und Besucherbetreuung, veränderliche Kosten für Tierarzt, Zufütterung und Verbrauchsmaterial, sowie feste Kosten für Maschinen, Zaun und Besucherinfrastruktur (,wenn an eine Tourismusnutzung gedacht wird). Einnahmen kommen im wesentlichen von Spenden und Eintrittsgeldern (soweit solche erhoben werden).


Da der Wisent in Deutschland als „jagdbares Wild“ eingestuft ist, unterliegt dieser dem Jagdrecht.

 

Wisenthaltung ist sicherlich keine alternative Bewirtschaftungsform für Landwirte in Baden-Württemberg, da

  • eine artgerechte Haltung nur auf sehr großen Flächen möglich ist
  • und selbst auf großen Flächen nur wenige Tiere gehalten werden können;
  • nur geringe Einnahmen zu erzielen sind.

Wisenthaltung stellt aber eine sinnvolle Alternative zur mechanischen Pflege großer zusammenhängender Flächen, die z.B. im Gemeinde- oder Landesbesitz sind, dar, da

  • die hohen Kosten für die mechanische Pflege entfallen;
  • die Attraktivität der Gemeinde für den Tourismus erhöht wird;
  • eine einstmals einheimische Wildtierart wieder etabliert werden kann. So wird im „Zielartenkonzept Baden-Württemberg 1996“ vorgeschlagen, dass die „aktive Wiedereinbürgerung im Gatter [für den Wisent] umgehend geprüft und ggf. durchgeführt“ wird, da „der Einfluss des Wisent (und im Vergleich ggf. der Einfluss alter Rinderrassen) auf schutzbedürftige Arten und Lebensgemeinschaften sowie der Aufwand für ein notwendiges Management für diese Art [...] (zunächst) nur im Gatterversuch getestet werden [kann]. Freilebende Wisente sind nach derzeitigem Kenntnisstand bei den heutigen Verkehrsdichten zunächst utopisch. Im Schwarzwald, in Oberschwaben und im Schönbuch sollten aber großflächige Gehegeversuche durchgeführt werden; diese dienen mittelfristig zur Überprüfung von Pflegezielen und zur Überprüfung von Hypothesen zum Prozessschutz als Maßnahme des Naturschutzes.“

 

5. Literatur

  • INSTITUT FÜR LANDSCHAFTSPLANUNG UND ÖKOLOGIE DER UNIVERSITÄT STUTTGART (1996): Räumlich differenzierte Schutzprioritäten für den Arten und Biotopschutz in Baden-Württemberg – ZIELARTENKONZEPT. 1691 S.  
  • SAMBRAUS, H. H. (2006): Exotische Rinder - Wasserbüffel, Bison, Wisent, Zwergzebu, Yak. Ulmer Verlag. 120 Seiten.
  • TILLMANN, J. E. (2008): Der Wisent kehrt zurück. In: Lebensraum 2/3/2008; Landwirtschaftsverlag Hessen, Friedrichsdorf. S. 16-19
  • TRAPANI, J. (1997): Bison bonasus. European bison or Wisent. (Seite auf Englisch)

6. Links

 

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