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Biotoptypen und Landschaftselemente

Streuwiesen

1. Entstehung

2. Bedeutung und Schutzstatus

3. Gefährdung

4. Erhalt und Pflege

5. Förderung

6. Literatur

7. Links

Foto: F. Renner, Naturschutzzentrum Bad Wurzach
 

1. Entstehung

Streuwiesen entstanden in Baden-Württemberg hauptsächlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als, mit dem Aufkommen der Eisenbahn, der Ackerbau im voralpinen Moor- und Hügelland von der Viehzucht abgelöst wurde und daher akuter Mangel an Einstreumaterial herrschte. Neben der Verwendung von Torf wurden zum Zwecke der Einstreugewinnung nun die Röhrichte und Seggenrieder der Niedermoore im Herbst oder Winter, wenn die oberirdischen Pflanzenteile bereits weitgehend abgestorben sind, von Hand gemäht. Da eine Düngung zu einer Verdrängung der wertvollen Streu liefernden Arten führen wurde, wurden diese Wiesen nicht gedüngt. Durch diese Nutzung entstanden im Laufe der Zeit die typischen Streuwiesen. Etwa 10% der Fläche im Allgäu waren Streuwiesen. Streuwiesen erzielten bald höhere Preise als gute Futterwiesen. Das Pfeifengras – eine begehrte Art der Streuwiesen - wurde sogar gezielt angesät. Der Höhepunkt der Streuwiesenkultur wurde in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht (RENNER 1997).

2. Bedeutung und Schutzstatus

Der Biotoptyp der (Pfeifengras-)Streuwiese ist in erster Linie durch seine Nutzungsform (s.o.) definiert. Als wertvollste Streupflanzen galten das Pfeifengras (Molinia caerulea), Rohrglanzgras (Phalaris arundinacea), Wasserschwaden (Glyceria maxima), Kammsegge (Carex disticha), Sumpfsegge (Carex acutiformis), Steifsegge (Carex elata) und Blasensegge (Carex vesicaria). Durch die einmalige Mahd im Herbst können sich alle Pflanzen der Streuwiesen ungestört entwickeln, daher zeichnen sich die Pfeifengras-Streuwiesen oft durch reichen Blütenflor vom Frühjahr bis zum Herbst aus. Besonders in Streuwiesen auf nährstoffarmen, kalkreichen Standorten können sehr viele Pflanzenarten nebeneinander existieren, darunter auffallend viele, die in der Roten Liste stehen. Es wurden Bestände mit 60 bis 100 Pflanzenarten beschrieben. Pfeifengras-Streuwiesen gehören somit zu den artenreichsten Grünlandgesellschaften Mitteleuropas.

Verbreitungsschwerpunkte: Westallgäuer und Oberschwäbisches Hügelland, Bodenseebecken, Oberrheinebene.

Kennzeichnende Pflanzenarten: Die Artenzusammensetzung der Streuwiesen hängt stark von der geographischen Lage ab. Besonders typische Arten sind:

Pfeifengras (Molinia caerulata), Teufelsabbiss (Succisa pratensis), Kümmel-Silge (Selinum carvifolia), Nordisches Labkraut (Galium boreale), Schwalbenwurz-Enzian (Gentianum pneumonanthe), Moorlabkraut (Galium uliginosum), Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica), Trollblume (Trollius europaeus), Seggen (Carex spec.), Weidenalant (Inula salicina).

Häufig vorkommende Tierartengruppen: Heuschrecken, Schmetterlinge, Amphibien, Vögel (z.B. Großer Brachvogel, Bekassine, Kiebitz, Braunkehlchen) u.a. Streuwiesen zählen zu den „lebendigsten" Lebensräumen Mitteleuropas (UMWELTMINISTERIUM BADEN-WÜRTTEMBERG 1995: 37).

Pflanzensoziologische Zuordnung der Pfeifengras-Streuwiese: Gesellschaften des Verbandes Molinion. In Baden-Württemberg kommen vor:

  • Reine Pfeifengras-Wiese (Molinietum caeruleae) der submontanen bis montanen Stufe, selten in Tieflagen, oft auf anmoorigen Böden
  • Knollendistel-Pfeifengras-Wiese (Cirsio-tuberosi-Molinietum) der Tieflagen
  • Fenchel-Pfeifengras-Wiese (Oenanthe-lachenalii-Molinietum) der Oberrheinebene
  • Duftlauch-Pfeifengras-Wiese (Allio-suaveolentis-Molinietum) im Alpenvorland.

Biotopschutz der Pfeifengras-Streuwiese nach §33 NatSchG :

Die Bestände sind als Pfeifengras-Streuwiese (auch im Brache-Stadtium, unabhängig von der traditionellen Nutzung) nach §33 NatSchG besonders geschützt, wenn mindestens zwei der folgenden  Kenn- und Trennarten vorkommen: Kanten-Lauch (Allium angulosum), Nordisches Labkraut (Galium boreale),   Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea), Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe), Pfeifengras (Molinia caerulea), Wiesen-Wasserfenchel (Oenanthe lachenalii), Kümmel-Silge (Selinum carvifolia), Gewöhnlicher Teufelsabbiss (Succisa pratensis).

Abgrenzungskriterien für die Pfeifengras-Streuwiese gegenüber anderen Biotoptypen:

  • Nasswiese oder Wiese mittlerer Standorte: Lückigere Schicht der Obergräser, weitgehendes Fehlen von Arten eutropher Standorte
  • Kleinseggen-Ried: Spärliche Moosschicht. Kleinseggen fehlen oder treten nur spärlich auf.
  • Großseggen-Ried: Artenreiche Bestände mit entsprechenden Kennarten. Großseggen können mit beträchtlicher Deckung auftreten, dominieren aber nicht.
  • Waldfreier Sumpf: Artenreiche Bestände, in denen Binsen, Simsen und Schachtelhalm-Arten zurücktreten oder fehlen.
  • Dominanzbestand aus Pfeifengras: Artenreiche Bestände mit entsprechenden Kennarten.

Pfeifengras-Streuwiesen (FFH-Lebensraumtyp 6410) beherben eine Reihe von Tierarten, die im Anhang der FFH-Richtlinie als besonders schützenswert aufgeführt sind: Goldener Scheckenfalter (Euphydyas aurinia), Großer Feuerfalter (Lycaena dispar), Dunkler Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling (Maculinea nausithous), Heller Wiesenknopf-Ameisen-Bläuling (Maculinea teleius), Schmale Windelschnecke (Vertigo angustior).

3. Gefährdung

Durch Stalltechniken, bei denen kein Einstreumaterial mehr benötigt wurde, durch die Umstellung auf Güllebewirtschaftung, Mechanisierung und Mangel an Arbeitskräften fielen die Streuwiesen ab Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts nach und nach aus der Nutzung. Etwa 80% der ehemals vorhandenen Streuwiesen sind seither verschwunden. Etwa die Hälfte davon wurde durch Entwässerung, Düngung und Erhöhung der Schnittfrequenz in Futterwiesen umgewandelt, ca. 20% wurden zu Fichtenforsten aufgeforstet, der Rest fiel meist brach. Bei der Biotopkartierung, die von 1981 – 1989 in Baden-Württemberg durchgeführt wurde, wurden 84% der 558 kartierten Streuwiesen als gefährdet eingestuft. Gefährdungen bestehen hauptsächlich durch die Intensivierung oder Aufgabe der Landwirtschaft (HÖLL UND BREUNIG 1995: 209).

4. Erhalt und Pflege

Zur Pflege von Streuwiesen eignet sich – auch nach längerer Nutzungsauflassung, sofern noch typische Streuwiesenarten vorhanden sind – am besten die mindestens alle 3 – 5 Jahre, im besten Fall jährlich, durchgeführte Mahd im Spätherbst oder Winter am Ende der Vegetationsperiode bei trockenem bzw. gefrorenem Boden mit Abfahren des Mähguts. Ein früherer Mahdtermin wirkt sich nachteilig auf das schnittempfindliche Pfeifengras aus. Eine Wiederaufnahme der Pflege bzw. Entbuschung lohnt sich auch nach 10- oder mehrjährigem Brachfallen noch. Eine Wiederaufnahme der Pflege führt dann zu einer sofortigen Förderung typischer Streuwiesenpflanzen.

Wenn mehrere Flächen vorhanden sind, sollte ein Mosaik aus jährlich, zweijährlich und in mehrjährigen Abständen gemähten Flächen hergestellt werden.

Für schwachwüchsigere Bestände (<40dt TM/ha) liefert jährliches Mulchen in der Regel das selbe Ergebnis wie Mähen mit Abräumen. Nach EGLOFF (1986 in BRIEMLE 1991) genügt für aufwuchsärmere Pfeifengraswiesen (mit weniger als 20 dt TM/ ha) sogar einmaliges Mulchen im Abstand von zwei bis drei Jahren. Damit die Streu noch vollständig abgebaut werden kann, muss aber bereits Mitte August gemulcht werden (BRIEMLE 1991: 62). Voraussetzung zur Anwendung dieses Pflegeregimes ist allerdings das Fehlen von Spätblühern. Begleitend sollte beim Mulchen eine regelmäßige Überprüfung des ökologischen Zustands der Flächen erfolgen, da Mulchen unter Umständen nicht für alle Standorte geeignet ist.

Sofern keine typischen Streuwiesenarten mehr vorhanden sind, sollte der Boden zunächst durch jährliche regelmäßige Mahd im Herbst und einer zweijährlich ergänzenden Mahd im Juni mit Abtransport des Mähguts ausgemagert werden. Eine Wiedervernässung sollte erst im Laufe der Aushagerung eingeleitet werden.

Grundsätzlich sollte die Mahd/ das Mulchen nur mit leichten Maschinen erfolgen, da Fahrschäden das Abtrocknen des Bodens verzögern und die Pflegegänge in den Folgejahren erheblich erschweren. Eine Bodenverdichtung bei hohem Grundwasserstand führt außerdem zu Nässestau und führt damit zu floristischen Veränderungen (BRIEMLE 1991: 61). Bei Mahd mit einem Kreiselmäher sollte langsam gefahren werden und mindestens 7cm Schnitthöhe sollten eingestellt sein.

Entwässerungsgräben haben sowohl auf die Flora als auch auf die Fauna stark negative Auswirkungen und sollten deshalb möglichst rückgängig gemacht werden und auf keinen Fall neu angelegt werden

(zusammengestellt nach FADO, LUBW Karlsruhe, BRIEMLE 1991 und BÜRO FÜR ÖKOLOGISCHE STUDIEN BAYREUTH 2000)

Beweidung von Streuwiesen (durch Ponies, Rinder oder Schweine) ist bei sehr gut durchdachtem Weidemanagement – v.a. auf mineralischen Standorten - ebenfalls kurzfristig möglich, wenn der Boden trocken genug ist. Daher müssen neben Streuwiesenflächen auch andere Flächen zur Verfügung stehen. Eine ausschließliche Beweidung von Streu- und Feuchtwiesen ist schon aus tierhygienischen Gründen (erhöhter Parasitendruck) nicht durchführbar. Ein Beispiel für eine funktionierende Beweidung von Streuwiesen bietet z.B. die Petite Camargue Alsacienne bei Basel (LUICK mdl. 10.01.03).

5. Förderung

Nach der Landschaftspflegerichtlinie können für die „Grünlandbewirtschaftung ohne Einsatz von Pflanzenschutzmitteln" bei einschüriger Mahd mit dem Schlepper und unter Ausschluss von Stickstoffdünger 310 Euro/ha (Stand Oktober 2015) gewährt werden. Bei hohem Arbeits- und Beratungsaufwand und / oder Einsatz von besonderen technischen Einrichtungen (z. B. Messerbalken-Mähwerk) kann sich dieser Satz erhöhen. Bei sehr schwierigen Bewirtschaftungsbedingungen, die z. B. eine Mahd mit der Motorsense erforderlich machen, besteht die Möglichkeit, die Flächensätze individuell auf der Grundlage der aktuellen "KTBL Datensammlung Landschaftspflege" in Verbindung mit den aktuellen "Verrechnungssätzen für Baden-Württemberg" des Landesverbands der Maschinenringe zu ermitteln. 

6. Literatur

  • AID (Hrsg.) (2003): Feuchtwiesen - Ökologische Bausteine in der Kulturlandschaft. 60 S. ISBN 3-8308-0334-6
  • BRIEMLE, G. (1987): Erste Ergebnisse aus einem Streuwiesenversuch der LVVG Aulendorf und Folgerungen für die praktische Biotoppflege. – Ökologie & Naurschutz 1: 247-271; Margraf-Verlag Germersheim.
  • BRIEMLE, G. (1992): Ergebnisse aus 10jähriger Pflege einer brachgefallenen Streuwiese des Alpenvorlandes. – Naturschutzforum 5/6: 87-114, Kornwestheim.
  • BRIEMLE, G. et. al. (1991): Mindestpflege und Mindestnutzung unterschiedlicher Grünlandtypen aus landschaftsökologischer und landeskultureller Sicht. Praktische Anleitung zur Erkennung, Nutzung und Pflege von Grünlandgesellschaften. - Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.- Württ. 60: 1 - 160.
  • HÖLL, N., BREUNIG, T. (1995): Biotopkartierung Baden-Württemberg – Ergebnisse zu den Biotoptypen. Streuwiese. – Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.- Württ. 81: 206 - 211.
  • KELLERMANN, S., REINÖHL, H. (1997): Kosten der Landschaftspflege und der Landbewirtschaftung in Naturschutzgebieten des Regierungsbezirks Stuttgart. Eine Pilotstudie der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege in Stuttgart. - BNL Stuttgart. 96 S.
  • KONOLD, W. , HACKEL, A. (1990): Beitrag zur Geschichte der Streuwiesen und Streuwiesenkultur im Alpenvorland. Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 38/2, 1767-191.
  • RENNER F. (1997): Landwirtschaftliche Nutzung der Moore, S. 214 - 217 - In: Oberschulamt Tübingen (Hrsg.): Faszination Moor - Ein ganzheitlicher Ansatz. 244 S.

7. Links

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