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Forschungsreport

Untersuchungen zur Pflege und Entwicklung von Wiesenschutzgebieten im Lkr.Tübingen

Fördernde Institution: MLR
Förderkennzeichen: Proj. Nr. 0186 E
Auftragnehmer: FH Rottenburg
Projektleitung: Prof. Dr. Rainer Luick
Projektbearbeiter: Dipl. agr. biol. Florian Wagner
Zeitlicher Rahmen: Juni 2000 – Dezember 2003

Kurzfassung:

Problemstellung:

Die Keuperrandstufen im Landkreis Tübingen an Schönbuch, Pfaffenberg, Spitzberg und Rammert sind durch großflächige Grünland- und Streuobstkomplexe geprägt. Der bis in die Gegenwart überwiegend extensiv betriebenen Landwirtschaft ist es zu verdanken, dass arten­reiche Wiesen hier noch keine Seltenheiten sind. Sowohl ihr ökologischer Reichtum als auch ihre Ausdehnung sind für Baden-Württemberg einzigartig. Nicht von ungefähr gibt es in diesem Naturraum zahlreiche Naturschutzgebiete, die wiederum - gemäß der FFH-Richtlinie der EU - das Gerüst für eines der größten NATURA 2000-Komplexgebiete im Land bilden sollen. Das Typikum des Untersuchungsraumes, die Salbei-Glatthaferwiesen, wurde mit der FFH-Richtlinie der Europäischen Union zum normativen Schutzobjekt erklärt.

 

Ziel:

Vor dem Hintergrund dieser juristisch manifestierten Schutzziele müssen für diese ehemals wichtigen Wirtschaftswiesen Strategien und Nutzungsmodelle entwickelt werden, die den Erhalt dieser Lebensräume gewährleisten können. Vor allem sollen Unklarheiten beseitigt werden, welche Rolle Weideverfahren zum Erhalt von Wiesenökosystemen spielen können.

 

Untersuchungsmethoden:

Aufbauend auf drei Arbeitsfeldern, einer Landnutzungsanalyse, einer fundierten Inventur der Akteure (Voll- und Nebenerwerbslandwirte, Hobbytierhalter) und einer empirischen vegetationskundlichen Untersuchung, werden die Möglichkeiten und Grenzen extensiver Grünlandnutzungen untersucht. Im Fokus der Untersuchung steht dabei besonders die extensive Weidenutzung.

 

Ergebnisse:

Mit der Landnutzungsanalyse wird gezeigt, dass sich die kleinbäuerliche Landwirtschaft im urbanen Wachstumssog unaufhörlich aus der Bewirtschaftung der Wiesen und des Streuobstes zurückzieht. Großflächige Verbrachungen in den Steillagen oder Mulchregime sind ebenso die Folge, wie vernachlässigte und überalterte Obstbaumbestände. Reine Mähnutzungen mit Heu-, Öhmd- und Silagewerbung konzentrieren sich bereits auf weitgehend baumfreie und ebene bis flach geneigte Landschaftsbereiche. Selbst in den Naturschutzgebieten kann eine Mindestnutzung kaum mehr garantiert werden und Pflegeprogramme müssen die landwirtschaftliche Nutzung ersetzen. Förderprogramme, wie das MEKA, das bei den Akteuren auf große Resonanz stößt, sind bislang nicht in der Lage, diesen Trend zu verhindern. Als einzige landwirtschaftliche Nutzungsform von Hanglagen und Obstwiesen zeichnen sich Weidesysteme ab, die sich teilweise schon seit über dreißig Jahren im Gebiet fest etabliert haben.

Der zweite Teil der Studie umfasst die Ergebnisse der Akteursbefragung. Bei der Mehrzahl der landwirtschaftlich aktiven Personen handelt es sich um Nebenerwerbslandwirte, in geringerer Zahl um Haupterwerbslandwirte und Hobbytierhalter. Vor allem Strukturprobleme durch Geländemorphologie, Baumbestand und Flächenzersplitterung sind als Hemmnisse der extensiven Grünlandnutzung auszumachen. Freizeitgestaltung, Ausgleich zum Beruf und Tradition werden überwiegend als Beweggründe für die landwirtschaftlichen Aktivitäten von  von den Befragten angegeben.

Bei der Frage nach den Zukunftsperspektiven ergeben sich lokal stark unterschiedliche Befunde: Während für die klassischen kleinbäuerlichen Mischbetriebe mit Milchvieh, Ackerbau und Heuverkauf eine Fortführung meist nicht eindeutig zu erkennen ist, gibt es andererseits im Untersuchungsgebiet noch Akteure, die bei verbesserten Arbeitsbedingungen ihr Engagement im extensiven Grünland sogar ausweiten würden. Meist handelt es sich bei dieser Gruppe um Weidebetriebe.

Allerdings erscheinen die bisher angewandten Instrumente des Naturschutzes nicht geeignet, eine Verbesserung der Nutzungssituation herbeizuführen, da latente Kommunikationsdefizite zwischen Naturschutz und Landnutzern kontraproduktiv auf eine erfolgreiche Flächensicherung wirken. Diese Defizite sind vorwiegend auf restriktiv vermittelte Naturschutzvorstellungen und praxisfremde Vorgaben zurückzuführen.

Vor dem Hintergrund klar definierter Zielvorgaben der FFH-Richtlinie geht der dritte Teil der Untersuchung der Frage nach, mit welchem Weideverfahren eine Beweidung von Salbei-Glatthaferwiesen erfolgen kann, ohne die floristische Zusammensetzung nachhaltig zu verändern. Im floristisch-vegetations­kundlichen Vergleich von beweideten Flächen mit Wiesen zeigt sich, dass das Konzept der „Rotierenden Mähweidesysteme“ (RMWS) Bestände liefert, die hochgradig kongruent zu „klassischen“ Wiesengesellschaften sind. Aufgrund der über zehnjährigen Nutzungskontinuität sämtlicher Untersuchungsflächen kann von einer guten Aussagekraft der Ergebnisse ausgegangen werden. Diese rotierenden Mähweidesysteme sind folglich in der Praxis erprobt und weisen Charakterzüge der guten landwirtschaftlichen Praxis auf, was ihre Akzeptanz und Effektivität für die Akteure erhöht. Damit ist eine Möglichkeit gegeben, ohne naturschutzfachlichen Wertverlust arbeitswirtschaftlich günstigere Nutzungsmodelle in Hanglagen und Streuobstbereichen auszudehnen oder neu zu etablieren. Rotierende Mähweidesysteme sind dynamische und flexible Nutzungsmodelle, deren Wirtschaftlichkeit  - und das bestimmt die Akzeptanz - über erfolgsorientierte Förderinstrumente honoriert werden kann (z.B. artenreiches Grünland im MEKA).

Bei der Analyse von extensiven Weidesystemen, die dem „Idealfall“ der rotierenden Mähweidesysteme nicht entsprechen, zeigen sich je nach Weideregime zwar inhomogene Befunde, das Artenspektrum extensiver Wiesengesellschaften bleibt innerhalb des jeweiligen Systems aber stets erhalten.

 

Konsequenzen für die Praxis:

In einer Synthese der drei Arbeitsfelder kann der klassischen Wiesenwirtschaft im Untersuchungsgebiet keine positive Prognose bescheinigt werden. Der Rückzug landwirtschaftlicher Schnittnutzungen aus Obstwiesen und Hanglagen wird sich nach wie vor fortsetzen und sich auf baumfreie, ebene und flach geneigte Bereiche konzentrieren. Zukünftig verbleibt für arbeitswirtschaftlich problematisches Grünland nur die Wahl zwischen Verbrachung, Mulchregimen, mechanischer Landschaftspflege oder Beweidung. Nach aktueller Einschätzung erscheint eine nachhaltige Sicherung artenreichen Grünlandes in Hanglagen und Streuobstbeständen vorrangig über extensive Weidesysteme praktikabel.

Um landwirtschaftlich motivierte Nutzungsformen im Untersuchungsgebiet zu sichern, werden verschiedene Strategieempfehlungen aufgezeigt:

§         Besonders wichtig erscheint der Abbau des „Kommunikationstiefs“ zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. Moderne zielgruppenspezifische Kommunikationsarbeit und Mediation müssen fester Bestandteil von Naturschutzaktivitäten im Gebiet werden.

§         Strukturverbessernde Maßnahmen, wie die Bereitstellung größerer Nutzungseinheiten (Nutzungstausch) und Baumpflege, haben darüber hinaus direkten Einfluss auf das Nutzungsgefüge.

§         Absatzsicherung und -förderung der Produkte aus extensiver Grünlandnutzung, Heu, Fleisch und „Freizeit“ erscheint derzeit nur mit professioneller Hilfe für die Akteure in größerem Umfang realistisch. Hier besteht die Möglichkeit für den Naturschutz sich positiv einzubringen.

Trotz aller Bemühungen wird es vermutlich nicht gelingen, die Kulturtätigkeit der Landwirtschaft flächendeckend zu halten. Die naturschutzfachlichen Wertediskussion abseits pflanzensoziologisch definierter Vegetationsausprägungen wird sich trotz – oder gerade wegen – der starr manifestierten Vorgaben durch die FFH-Richtlinie nicht umgehen lassen.

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