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Agrarforschung

Untersuchungen zum derzeitigen Gefährdungspotential der Reblaus in den Weinbaugebieten von Baden-Württemberg

Staatliches Weinbauinstitut Freiburg i.Br.
G. Schruft, H. Huber und G. Wegner-Kiß                                         
Juli 1995 - Juli 1997

Problemstellung

Die Reblaus ( Dactulosphaira vitifoliae Fitsch) wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt und hat unübersehbare Schäden im europäischen Weinbau verursacht. Durch den Anbau von Pfropfreben, die durch Veredlung einer europäischen Ertragsrebsorte auf einer amerikanischen Unterlagsrebe hergestellt werden, konnte die Reblaus zur Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt werden, was als klassisches Beispiel für ein integriertes Bekämpfungsverfahren gilt, das weltweit zur Anwendung gelangt und funktioniert, solange und soweit gewisse Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Als ab 1990 über katastrophale Reblaus-Schäden an Pfropfreben in Kalifornien berichtet wurde, kam auch in Europa die Reblaus wieder in Diskussion. In Deutschland, insbesondere im Rheingau, machte sich die Reblaus Anfang der 90er Jahre wieder verstärkt bemerkbar. Dies äußerte sich einerseits in einer starken Blattvergallung in Amerikanerreben-Vermehrungsanlagen, vereinzelt jedoch auch an Europäer-Reben, andererseits in einem starken Wurzel-Befall mit Rückgangserscheinungen an bisher als hinreichend Wurzelreblaus-tolerant angesehenen Unterlagen von Pfropfreben im Rheingau.

Die aufgezeigten Hinweise und zahlreiche Pressemitteilungen aus anderen Bundesländern waren Anlaß, im Rahmen eines Untersuchungsprogrammes die gegenwärtige Verbreitung der Reblaus in Baden-Württemberg zu studieren.

Ziel

Ziel der Untersuchungen war es, die gegenwärtige Verbreitung der Reblaus in Ertragsanlagen und Unterlagenschnittgärten beispielhaft zu erfassen, ein mögliches Gefahrenpotential für den Weinbau in Baden-Württemberg frühzeitig zu erkennen sowie gegebenenfalls erforderliche Bekämpfungsstrategien mit geeigneten Mitteln rechtzeitig einzuleiten.

Untersuchungsmethoden

In Zusammenarbeit mit der amtlichen Weinbauberatung des Landes wurden Rebanlagen mit Verdacht auf Reblausbefall besichtigt und Proben von Wurzeln bzw. Blättern auf Anwesenheit von Rebläusen hin untersucht. Zur Überwachung der Reblaus wurde einerseits die Bewegungsaktivität der Reblaus mit Klebebändern und Gelbstreifen studiert und andererseits Erd- und Wurzelproben mittels einer Berlese-Tullgren-Ausleseapparatur auf Anwesenheit von Wurzelrebläusen geprüft. In Freilandversuchen zur Bekämpfung der Blattreblaus in Unterlagenschnittgärten wurden verschiedene, insektizid wirksame Mittel zu unterschiedlichen Zeiten ausgebracht und deren Wirkung geprüft. Ansatzweise wurden methodische Verfahren erprobt, um in Ertragsrebanlagen bei extremem Wurzelreblausbefall eine Reblaus-Bekämpfung vornehmen zu können. Zur Prüfung möglicher, neu entstandener Reblaus-Biotypen wurden ebenfalls methodische Vorarbeiten durchgeführt.  

Ergebnisse
  1. Im württembergischen Weinbau-Gebiet wurden schwerpunktmäßig Ertragsrebanlagen mit der Unterlagsrebe 26 G untersucht, wobei 86 % der geprüften Anlagen Reblausbefall aufwiesen. Die Rebflächen mit den Unterlagen 5 BB und SO 4 waren zu 76 % von Wurzelreblaus befallen. Da in Baden die Unterlagsrebe 26 G keine Verwendung findet, verteilen sich die Erhebungen im wesentlichen auf die Unterlagen 125 AA und 5 BB, die zu 79 % bzw. zu 33 % ohne Befall waren.
  2. Ein Blattreblaus-Befall an Europäerrebsorten konnte im Rahmen unserer Untersuchungen nur an drei Orten, und zwar an den Sorten Blauer Spätburgunder, Weißer Burgunder und Müller-Thurgau festgestellt werden, woraus abgeleitet wird, daß in der Untersuchungszeit kein extremer Befallsdruck bestanden hat.
  3. Die Prüfung von sog. Einlegern, - das sind in den Boden abgesenkte und nach der Bewurzelung vom Mutterstock abgetrennte Edelreis-Ruten, die somit wurzelecht sind -, auf Wurzelreblaus-Befall ergab nur in einem Drittel der untersuchten Fälle eine Reblaus-Besiedlung.
  4. Da Blattreblaus-Befall an ausgetriebenen Unterlagsreben auf Böschungen zur Ausbreitung der Reblaus führt, wurden verschiedene Böschungen daraufhin überprüft und tatsächlich immer wieder Blattreblaus-Gallen auch vorgefunden.
  5. Auf größeren Flächen können Blattrebläuse in Amerikanermuttergärten vorkommen, die der Erzeugung von Unterlagsreben dienen. Die von uns kontrollierten Muttergärten haben ergeben, daß die im Anbau gängigen Unterlagen 125 AA, 5 BB und SO 4 je nach Standort befallen waren oder keine Blattgallen aufwiesen, wobei nicht bekannt war, ob im letzteren Falle eine Bekämpfungsmaßnahme durchgeführt worden war.
  6. In einem Unterlagen-Prüfgarten des Institutes konnten Erhebungen über die Blattanfälligkeit der Unterlagsreben durchgeführt werden. Die Ergebnisse lassen erkennen, daß ein deutlicher, gradueller Unterschied im Blattreblaus-Befall zwischen den klassischen Unterlagsrebsorten besteht, wobei eine abfallende Linie von 5 BB, SO 4, Binova und 8 B feststellbar war. Die beiden neuen Unterlagen Börner und FR 419-52 waren vollständig frei von Reblaus-Blattgallen.
  7. Eine Überwachung der Reblaus im Rahmen eines Monitorings war sowohl mit Klebestreifen an unterschiedlichen grünen oder verholzten Trieben bzw. Ruten für wandernde Rebläuse, als auch mit gelben Klebefangstreifen für Reblaus-Fliegen möglich. Für die Extraktion von Wurzelläusen aus Boden- bzw. Wurzelproben erwies sich das Berlese-Tullgren-Ausleseverfahren durchaus geeignet, wobei jedoch wie bei allen Bodenproben die Art und der Ort der Probeentnahme problematisch ist, wenn repräsentative Stichproben erhalten werden sollen.
  8. In Freilandversuchen zur direkten Bekämpfung der oberirdisch lebenden Maigallenlaus und derer Nachkommen zu verschiedenen Zeitpunkten konnten mit Confidor WG 70 (0,01 %), mit Decis flüssig (0,05 %) und mit dem Naturprodukt Neem Azal-T/S (0,3 %) so hinreichende Wirkungsgrade erzielt werden, daß auf das bislang verwendete, hoch umwelttoxische Lindan verzichtet werden kann. Dagegen erfordert die gezielte Bekämpfung von Wurzelläusen weitergehende methodische Studien.
  9. Der Frage nach der Existenz verschiedener Reblaus-Biotypen konnte aus zeitlichen und methodischen Gründen nur ansatzweise nachgegangen werden.
Konsequenzen für die Praxis

Die Untersuchungen haben ergeben, daß die Reblaus-Situation in Baden-Württemberg keineswegs als kritisch zu betrachten ist und ein Vergleich mit den Verhältnissen, wie sie im Rheingau bzw. in Kalifornien beschrieben werden, keinesfalls zulässig ist. Zur Aufrechterhaltung dieser derzeit günstigen Situation ist es jedoch erforderlich, die bisher praktizierten vorbeugenden Maßnahmen zur Begrenzung der Reblaus-Aktivitäten konsequent fortzuführen. Im einzelnen sind dies

  • der uneingeschränkte Anbau von Pfropfreben mit reblausfesten Unterlagen, in Verbindung mit dem Verbot des Anbaus von wurzelechten Reben,
  • der Verzicht auf die Verwendung von Einlegern oder Absenkern von Edelreisholz zum Aufbau eines neuen, wurzelechten Rebstockes und deren laufende Kontrolle,
  • die Beseitigung des Aufwuches von Amerikaner-Reben an Böschungen und Rändern von Rebflächen, sowie
  • die gezielte Bekämpfung der Blattreblaus in Amerikaner-Unterlagenschnittgärten.

Mit diesen Maßnahmen ist es möglich, die derzeitig ungefährliche Reblaus-Situation in Baden-Württemberg weiterhin in überschaubaren Grenzen zu halten. 

 

Literatur
Huber,H.; Wegner-Kiß,G.; Schruft,G.: Reblaus - Tests stimmen zuversichtlich. - Das Deutsche Weinmagazin, Nr. 11, 26 - 28, 1997

 

 

Fördernde Institution:    MLR

Förderkennzeichen:   25-95.24  




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