Service-Navigation

Suchfunktion

Agrarforschung

Untersuchungen zur Ökologie der Seeforelle im Bodensee

Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt Aulendorf - Fischereiforschungsstelle
U. Schulz                                                                                             
September 1986 - Oktober 1994

Problemstellung

Bis in die 50er Jahre betrug der Ertrag von Seeforellen (Salmo trutta f. lacustris) im Bodensee im Mittel ca. 11.000 kg/a. Durch die Einführung neuer, effektiverer Fanggeräte kam es in der zweiten Hälfte der 50er Jahre zu einer kurzzeitigen Erhöhung der Erträge. Trotz massiver Besatzmaßnahmen in den See sanken danach die Anlandungen, bis 1985 der Tiefstand von 1556 kg erreicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein totaler Zusammenbruch der Seeforellenfischerei befürchtet. Durch die daraufhin ergriffenen Schonmaßnahmen pendelte sich die jährliche Fangmenge in den folgenden Jahren auf ein neues Niveau von ca. 4.000 kg/a ein.

Durch ihren Lebenszyklus und den damit verbundenen Wechsel zwischen See und Fließgewässer war die Seeforelle besonders anfällig für anthropogene Veränderungen. Die abnehmende Erreichbarkeit der Laichgebiete durch Quer- und Längsverbau der Flüsse sowie die Kolmatierung der Laichplätze in Verbindung mit zunehmenden Verschmutzungseinflüssen haben die natürliche Reproduktion der Seeforellen drastisch eingeschränkt. Auch der starke Befischungsdruck im Bodensee selbst trug zur Dezimierung der Bestände bei.

Ziel

Das Untersuchungsprojekt zur Biologie und zum Wanderverhalten der Bodensee-Seeforelle sollte den Lebenszyklus dieser Forellenform unter verschiedenen Aspekten untersuchen, den Ist-Zustand der befischbaren Seeforellenpopulation im Bodensee hinsichtlich Größenverteilung und Alterszusammensetzung beschreiben, bislang unerkannte Gefährdungspotentiale aufdecken und Förderungsmöglichkeiten des Bestandes erarbeiten.

Untersuchungsmethoden

Die Untersuchung konzentrierte sich auf folgende Problemkreise:

  1. An drei verschiedenen Gewässern wurden durch fest installierte Fangeinrichtungen und durch Elektrofischerei die Aufenthaltszeit der Jungfische vor dem Abwandern in den See, die auslösenden Faktoren der Abwanderung, die Körperlänge beim Abwandern sowie die Abwanderungs-, Residenz- und Überlebensraten untersucht.
  2. Für Untersuchungen des Wanderverhaltens im See wurden insgesamt 13 adulte Seeforellen mit Ultraschallsendern markiert. Durch Informationen über Schwimmaktivitäten, Schwimmtiefen, bevorzugte Seeareale und saisonale Verhaltensmuster sollten Möglichkeiten zur Entflechtung der Felchen- und Seeforellenfischerei erarbeitet werden.
  3. Um die Belange der Angelfischerei zu berücksichtigen und weiterhin zu prüfen, ob einzelne Bestimmungen geändert werden können, wurde eine Versuchsfischerei auf Seeforellen durch 20 Angler der Uferstaaten durchgeführt.
    Weiterhin wurde der Anteil der Seeforellenfänge in den verschiedenen, in der Berufsfischerei eingesetzten Fanggeräten untersucht, um, sofern möglich, Maßnahmen zur Verringerung des Fanges untermaßiger Forellen erarbeiten zu können. Zur Bearbeitung der Fragestellung wurden Erhebungen der Fischereiaufseher, der Gesamtforellenfang zweier Berufsfischer und die offiziellen Tagesfangprotokolle der baden-württembergischen Berufsfischer ausgewertet.
  4. Anhand von Probematerial aus Angler- und Berufsfischerfängen wurde untersucht, welche Organismen von Seeforellen gefressen wurden, ob saisonale Unterschiede bezüglich der Nahrungswahl auftreten, ob Wechselwirkungen mit den Felchenbeständen des Bodensees über Prädationsverhalten oder Nahrungskonkurrenz möglich sind und ob sich das Nahrungsspektrum im Vergleich zu den historischen Daten verschoben hat.
  5. Durch elektrische Befischungen zur Laichzeit konnte festgestellt werden, in welche Zuflüsse und in welcher Anzahl noch Seeforellen aufsteigen. Radiotelemetrische Untersuchungen an aufsteigenden Seeforellen dienten zur Ermittlung der Aufenthaltsdauer in den Zuflüssen sowie dazu, das Wanderverhalten zu verfolgen. Weiterhin wurde durch Einleitung künstlicher Duftstoffe versucht, juvenile Seeforellen olfaktorisch auf ihr Heimatgewässer zu prägen.
  6. Die Auswertung der Schuppenproben von 243 Seeforellen aus Angler- und Berufsfischerfängen und ein Vergleich mit historischen Wachstumsdaten ermöglichten eine Überprüfung, ob sich die Wachstumsverhältnisse im Laufe der Eutrophierung des Bodensees verändert haben.
Ergebnisse
  1. In zwei untersuchten nördlichen Bodenseezuflüssen wanderten die Jungfische im Alter von einem Jahr in den See ab, in einem Untersuchungsgewässer in Liechtenstein als Zweijährige. Der größte Teil der Jungfische wanderte im April zu Zeiten erhöhter Wasserstände ab. Es konnte kein Unterschied bezüglich des Abwander-verhaltens von See- und Bachforellen festgestellt werden. Die Ergebnisse weisen darauf hin, daß sich ein erheblicher Teil der Seeforellenpopulation des Bodensees aus abgewanderten Bachforellen rekrutiert.
  2. Bei 7 der 10 ausgewerteten Versuche zur Wanderung adulter Seeforellen im Bodensee war die Schwimmaktivität der Fische tagsüber signifikant höher als nachts. Die Schwimmtiefe betrug im Sommer 8 - 16 m und lag damit im unteren Bereich des Epilimnions oder im oberen Bereich der Thermokline. Im Winter schwammen die Versuchsfische nahe der Oberfläche, oft nicht mehr als 10 cm unter dem Wasserspiegel. Während sich die meisten Versuchsfische im Sommer im zentralen Pelagial zwischen Langenargen, Alter Rheinmündung, Romanshorn und Friedrichshafen aufhielten, waren sie im Winter oft im Litoral bei sehr geringen Wassertiefen anzutreffen.
  3. Während der Versuchsfischerei mit der Angel wurden 1275 Seeforellen gefangen, von denen lediglich 3,9 % das derzeit gültige Schonmaß (50 cm) erreicht oder überschritten hatten. Der räumliche Schwerpunkt der Fänge lag in der südlichen Seehälfte vor dem schweizer Ufer von Kreuzlingen bis Rohrschach. Die Untersuchung des Einflusses der Hakenform zeigt, daß bei der Verwendung von Drillingshaken die Mortalität 27,2 % betrug, bei der Verwendung eines einfachen Hakens 16,8 %.
    Aus den Meldungen der Fischereiaufseher ging hervor, daß von 1329 registrierten Seeforellen 1135 (85,4 %) in Schwebsätzen, 160 (12,5 %) in Bodennetzen und 34 (2,6 %) in Trappnetzen gefangen wurden. Im Schwebsatz betrug der Anteil der untermaßigen Seeforellen 89 %, im Bodennetz 47,5 % und im Trappnetz 64,7 %. Der Vergleich der Fischereiaufsehermeldungen mit den offiziellen Fangprotokollen baden-württembergischer Berufsfischer zeigte, daß kleine Seeforellen <300 g in der Statistik stark unterrepräsentiert sind.
  4. Während Fische das gesamte Jahr über in ca. 50% der Mägen festgestellt wurden, schwankten die Anteile von Insekten und Zooplankton stark. Die fischfressenden Seeforellen waren im Mittel größer als die zooplankton- und insektenfressenden. Ein nennenswerter Einfluß von Seeforellen auf die Felchenbestände durch Fraßdruck auf Jungfische ist nach den vorliegenden Ergebnissen nicht zu sehen. Verglichen mit den Ergebnissen einer Untersuchung von vor mehr als einem Jahrhundert, erlangen Insekten und Zooplankton heute eine größere Bedeutung als früher.
  5. Der Wiederfang von laichreifen Seeforellen, die als Jungfische markiert und in die Zuflüsse gesetzt wurden, ergab, daß die meisten Seeforellen (57 %) als adulte Tiere wieder in ihr Heimatgewässer zurückkehrten. Ob sich die Seeforellen bei dieser Rückwanderung auch am Gewässergeruch orientierten, ließ sich nicht eindeutig nachweisen. Markierungen laichreifer Seeforellen mit Radiosendern zeigten, daß Seeforellen nur dann weit in den Zuflüssen aufwärts wanderten, wenn die Wassertemperaturen 6 - 8 °C betrugen und gleichzeitig erhöhter Wasserabfluß vorlag.
  6. Die Wachstumsverhältnisse der Bodensee-Seeforellen werden durch eine lineare Funktion mit dem höchsten Korrelationskoeffizienten beschrieben. Auffallend war das starke Auseinanderwachsen der Jahrgänge. So lag die Körperlänge von 3-jährigen Seeforellen zwischen 25 und 65 cm. Der Vergleich mit historischen Daten zeigt, daß die Seeforellen heute schneller als früher wachsen. Der Median der Längenhäufigkeitsverteilung des Seeforellenlaichfischbestandes liegt bei 58 cm. Diese Länge wird von einigen Fischen am Ende des 3. Lebensjahres erreicht, die meisten sind jedoch mindestens 4 Jahre alt.
Konsequenzen für die Praxis

Die Untersuchungsergebnisse haben ergeben, daß die bisherigen Konzepte für die nachhaltige Bewirtschaftung und Förderung des Seeforellenbestandes im Bodensee noch verbessert werden können. Die vorgeschlagenen begleitenden Maßnahmen zielen darauf ab, den Gesamtbestand der Seeforellen zu vergrößern, während über direkte Maßnahmen die Entnahme geregelt wird. Folgende Schlagworte können benannt werden:

Unmittelbar durchführbare Begleitmaßnahmen:

Besatzeffektivierung; Laichbefischungen; Renaturierung der Laichgebiete und Jungfischhabitate; Bau von Fischaufstiegen bei Wanderhindernissen; Management der Laichfischstämme.

Unmittelbar durchführbare direkte Maßnahmen:

Verlängerung der Winterschonzeit; Einführung von temporären oder permanenten Schutzgebieten in den Zuflußmündungen; Aufhebung der Sommerschonzeit, wenn ein Schutz der Frühaufsteiger gewährleistet ist.

 

Literatur:
Abschlußbericht und Dissertation, 1994

 

Fördernde Institution:MLR

Förderkennzeichen: 27 - 89 . 36




MLR   |   Agrarforschung   

 

Fußleiste