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Agrarforschung

Feuerökologie und Feuer-Manangement auf ausgewählten Rebböschungen des Kaiserstuhls

H. Page, L. Rupp, U. Schraml, S. Wießner, J.G. Goldammer, Max-Planck-Institut für Chemie, Arbeitsgruppe Feuerökologie
Mai 1997 - April 2000

Problemstellung

Die Rebböschungen des Kaiserstuhls sind in den meisten Fällen von Natur aus potentielle Waldstandorte und verdanken ihren historisch gewachsenen Offenlandcharakter der Mahd, die hier bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges regelmäßig durchführt wurde. Aufgrund veränderter betrieblicher Rahmenbedingungen wurden sie daraufhin vermehrt im Winter geflämmt, bis Mitte der siebziger Jahre das Flämmverbot in Kraft trat. Seither liegen die Böschungen der Alt- und Umlegungsgebiete als Brachland zwischen den Rebterrassen. Soll der historisch gewachsene offene Vegetationscharakter der Böschungen erhalten werden, so sind in den meisten Fällen Pflegeeingriffe notwendig.

Ziel

In dem dreijährigen Forschungsprojekt wurden die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des kleinflächigen und kontrollierten Brennens während des Winters als eine Pflegevariante für die Rebböschungen untersucht.

Untersuchungsmethoden

Vegetationskundlicher Teil

Auf Dauerbeobachtungsflächen wurden die Auswirkungen des winterlichen kontrollierten Brennens auf die Vegetation offener von Wiesen- und Saumarten dominierter Standorte über einen Zeitraum von drei Vegetationsperioden untersucht. Dazu wurden auf unterschiedlichen Brand- und Kontrollflächen jeweils sechs bzw. acht 1m 2 große Aufnahmeeinheiten ausgeschieden. Die dort vorkommenden Pflanzenarten und deren Verteilung wurde mit Hilfe einer feinanalytischen Aufnahmetechnik (Frequenzanalyse) nach FISCHER (1986) erfasst.

Des weiteren wurde beobachtet, wie verschiedene Baum- und Straucharten auf den Feuereinsatz reagieren, die im Zuge der sekundären Sukzession zunehmend in die noch wiesenartigen Bereiche eindringen. Zusätzlich wurde der Einfluss des Winterfeuers auf Bodentemperatur- und Bodenwasserhaushalt in der Vegetationsperiode nach dem Brennen ermittelt.

Faunistischer Teil

Hier wurden die Auswirkungen des Brennens auf Gehäuseschnecken bearbeitet, die aufgrund ihrer Feuergefährdung und geringen Ausbreitungsfähigkeit in besonderem Maße vom Einsatz des Feuers betroffen sind.

Mittels der Quadratmethode wurde die Schneckenfauna auf Brand- und Kontrollflächen einer südost exponierten Großböschung nach je einem Brandereignis in zwei Jahren vergleichend erfaßt. Zur Ermittlung des Ausbreitungsverhaltens wurden Individuen von Zebrina detrita farblich markiert und auf den Brand- und Kontrollflächen ausgebracht. Um die Verfügbarkeit leerer Gehäuse nach dem Brennen im Hinblick auf die Schneckenhausbesiedler abzuschätzen, erfolgte die Ermittlung des Verbrennungsgrades deponierter Gehäuse von drei verschiedenen Arten.

Sozio-ökonomischer Teil

Im Rahmen dieses Untersuchungsteiles wurde in einem ersten Schritt anhand von Experteninterviews eine Fallanalyse zum Konfliktfeld Feuereinsatz zur Pflege der Rebböschungen durchgeführt. In einem zweiten Schritt wurde daraufhin der "Arbeits- und Informationskreis Böschungspflege gegründet". Hier treffen sich seit dem Herbst 1999 Vertreter der verschiedenen in den Konflikt involvierten Parteien, um an einem runden Tisch gemeinsame Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Ergebnisse

Vegetationskundlicher Teil

Untersuchungen zu den Bodenfeuchte- und den Bodentemperaturverhältnissen auf verschiedenen Böschungen ergaben, dass die Brandflächen im Vergleich zu den Kontrollflächen in Abhängigkeit von Standort und Exposition teilweise bis in die zweite Vegetationsperiode nach dem Brennen trockener und wärmer wurden. Erklären läßt sich dieser Effekt mit der starken Reduktion der Streumenge auf den Brandflächen.

In den von Gramineen und Stauden dominierten Böschungsgesellschaften konnten während des dreijährigen Untersuchungszeitraumes nur sehr geringfügige, statistisch nicht signifikante Veränderungen in der Artenausstattung und in der Verteilung der Arten (Evenness) festgestellt werden. Es zeichnet sich bislang keine Entwicklung hin zu "Pyrophyten-Beständen" ab, in denen nur wenige feuertolerante Arten vorkommen. Im Gegenteil konnte auf einigen Brandflächen eine geringfügige Artenzunahme beobachtet werden. Um Aussagen über die längerfristigen Auswirkungen machen zu können, ist ein Untersuchungszeitraum von drei Jahren zu kurz. Die Ergebnisse der mittlerweile über 25 Jahre laufenden Brachflächenversuche in Baden-Württemberg deuten jedoch darauf hin, dass noch gehölzfreie Grünlandbrachen mit Hilfe des kontrollierten Brennens als Grünlandbestände in Struktur und Grünlandartenausstattung erhalten werden können (SCHREIBER 1997).

Junge Gehölztriebe mit einem Stammdurchmesser bis zu 2 cm (in 30 cm Höhe) werden unabhängig von der Art durch den Feuereinsatz mehrheitlich letal geschädigt. Stockausschlagfähige Arten treiben jedoch im Frühjahr nach dem Brand wieder aus. Deswegen muss davon ausgegangen werden, dass mit Hilfe des winterlichen Feuereinsatzes bestenfalls die Zunahme der Verbuschung verhindert werden kann. Bei entsprechend kurzem Feuerintervall (von ca. 2 bis 3 Jahren) können junge Baum- und Strauchindividuen vermutlich klein gehalten werden, verdrängen lassen sie sich jedoch nicht mehr.

Faunistischer Teil

Bei allen Schneckenarten befanden sich auf den gebrannten Flächen im Vergleich zur Kontrolle stets weniger lebende Tiere. Etwa 95% der Individuen entfiel auf Kleinschneckenarten (<10 mm). Bei diesen Arten war auch der zahlenmäßige Rückgang am stärksten. Das Artenspektrum und die Dominanzstruktur blieben gleich. Die Wiederfundrate markierter Zebrina detrita war auf der Kontrollfläche doppelt so hoch wie auf der Brandfläche.

Im Ausbreitungsverhalten von Zebrina detrita konnten keine Unterschiede zwischen Brand- und Kontrollflächen festgestellt werden. Nur 8% der Schnecken hatten sich über 20m vom Ausbringungsort entfernt.

Der Verbrennungsgrad der Leergehäuse war bei den verschiedenen Arten unterschiedlich. Von den relativ kleinen Zebrina-Gehäusen waren nur ca. 10% soweit verbrannt, dass sie von Schneckenhausbesiedlern nicht mehr genutzt werden könnten, während die größeren Gehäuse von Cepaea und Helix zu ca. 25% entsprechend zerstört waren.

Sozio-ökonomischer Teil

Die Fallanalyse konnte zeigen, daß gegenseitige Feindbilder von Landwirtschafts- und Naturschutzseite die gesamte Konfliktlage um das kontrollierte

Brennen in Form einer Ideologisierung und Verunsachlichung einzelner Interessenspositionen verschärfen (WEIHER 1998). Es existieren teilweise unterschiedliche, jedoch nicht unbedingt unvereinbare ökologische Zielsetzungen, die zu realen Konflikten führen. Um dieses Spannungsfeld zu durchbrechen und zu einer Lösung in der Zielfrage der zukünftigen Böschungsentwicklung zu kommen, wurde von der Arbeitsgruppe Feuerökologie im Herbst 1999 ein runder Tisch eingerichtet, an dem Vertreter der Winzer, der Gemeinden, der betroffenen Behörden sowie des ehrenamtlichen Naturschutzes teilnehmen. Bisheriges Ergebnis des Arbeitskreises ist die Formulierung eines von allen Teilnehmern akzeptierten Leitbildes.

Dessen Kernaussagen sind, dass vor allem hinsichtlich der Belange des Qualitätsweinbaus ein möglichst großer Anteil der Rebböschungen eine offene Vegetationsstruktur (Dominanz von Rasen- und Saumarten) aufweisen soll. Vereinzelte Gebüschgruppen, die zur Struktur- und Lebensraumvielfalt auf den Böschungen beitragen, werden positiv gewertet, solange keine Beschattung der Reben erfolgt und die Böschungsstabilität gewährleistet ist. Diese Forderungen stehen in Einklang mit den Zielen von Naturschutz und Landespflege, wenn auch die Begrenzung der Gehölzentwicklung aus naturschutzfachlicher Sicht nicht in allen Fällen als unbedingt notwendig erachtet wird.

Um diese Ziele zu erreichen, ist eine nachhaltige Pflege in den meisten Fällen unumgänglich. Dazu soll ein umfassendes Pflegekonzept entwickelt werden, dass auch den winterlichen, kleinflächigen Feuereinsatz mitbeinhaltet. Die erforderlichen Rahmenbedingungen werden im Anhangsteil zum Leitbild genauer umrissen.

Konsequenzen für die Praxis

Der wesentliche Punkt, der zur Aufnahme des kontrollierten Brennens in die Palette der Pflegemaßnahmen führte, ist die Einsicht, dass unter den gegenwärtigen arbeitstechnischen und finanziellen Rahmenbedingungen eine Pflege mit dem Ziel der Offenhaltung großer Böschungsflächen nur mittels der Mahd nicht zu erreichen ist. So wäre die Mahd hinsichtlich der Erhaltung der historisch gewachsenen Ökosysteme der Böschungen in den meisten Fällen das optimale Pflegeverfahren. So bietet der Einsatz von Pflegefeuern unter dem Gesichtspunkt der Praktikabilität derzeit die letzte Chance, die typischen offenen Vegetationsstrukturen größerer Bereiche der Böschungen zu erhalten. Inwieweit dieses Ziel mittel- bis langfristig tatsächlich durch das kontrollierte Brennen erreicht werden kann, ist heute noch nicht abschließend zu beurteilen. Trotzdem soll der kontrollierte Feuereinsatz so schnell als möglich in die Praxis der Böschungspflege integriert werden, da mit jedem Jahr des Abwartens weitere offene Flächen verloren gehen.

 

Literaturhinweis Abschlussbericht, Juni 2000

 

Fördernde Institution
MLR

Förderkennzeichen
0802 / 68574




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