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Agrarforschung

Die strukturelle und waldbauliche Entwicklung des Privatwaldes in Baden-Württemberg nach 1945

Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg
Stefan Schmid                                                                      
Juli 1994 - Dezember 1995

Problemstellung

Bis zur Durchführung der Bundeswaldinventur 1987 (BWI 1987) waren die Kenntnisse über den waldbaulichen Zustand des Privatwaldes in der Bundesrepublik Deutschland lückenhaft und auch veraltet. Besonders im kleinparzellierten Privatwald war man bei den vor 1987 gebräuchlichen Forsterhebungen (z. B. die Forsterhebung von 1961) meistens auf Schätzungen angewiesen. Inhaltliche Mängel der Forststatistik gründeten vor allem auf der Methode der alten Forsterhebungen, Informationen mittels Fragebogen zu erheben. Die Fragebogenmethode konnte das gestiegene Bedürfnis von Forst- und Holzwirtschaft sowie der politischen Entscheidungsträger nach aktuellen, genauen und verläßlichen Daten über den Aufbau, die Vorratsstruktur und die Leistungsmöglichkeiten der deutschen Wälder längst nicht mehr zufriedenstellen.

Ziel

Ein wesentliches Ziel der Untersuchung ist es, die Informationslücken der Forststatistik hinsichtlich des waldbaulichen Zustands und der naturalen Leistungsfähigkeit des Privatwaldes mit den Daten der Bundeswaldinventur 1987 zu schließen. Darüber hinaus erschien es sinnvoll, die Auswertungen der Bundeswaldinventur 1987 in Zusammenhang mit sozio-ökonomischen und forstpolitischen Entwicklungen zu stellen. Es werden Gründe und Ursachen für die waldbauliche Entwicklung nach 1945 im Privatwald aufgezeigt und analysiert. Überlegungen zur künftigen Förderung des Kleinprivatwaldes schließen die Untersuchung ab.

Untersuchungsmethode

Im Rahmen der Untersuchung wurden die Erhebungsreihen der Agrarstatistik der Jahre 1971, 1987 und 1991, die Forsterhebung 1961, die Privatwalderhebung 1971 - 1993 der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg und die Bundeswaldinventur 1987 ausgewertet. Eine Sichtung des Datenmaterials führte zum Ergebnis, daß lediglich für die Erhebungsreihen der Agrarstatistik methodisch exakte Vergleiche im Rahmen von Zeitreihen möglich waren. Vergleichsmöglichkeiten der Bundeswaldinventur 1987 mit der Forsterhebung 1961 werden durch die unterschiedlichen Erhebungsmethoden und den geringen Umfang des Merkmalkatalogs der Forsterhebung eingeschränkt. Aufnahmeverfahren und Datenqualität der Privatwalderhebung der Landesforstverwaltung werden eingehend analysiert. Die Daten zur Beschreibung des waldbaulichen Zustands im Kleinprivatwald werden im Hinblick auf ihre Aussagefähigkeit beurteilt. Entgegen den Erwartungen der Landesforstverwaltung war die Privatwalderhebung 1971 - 1993 kein geeignetes Instrument, den waldbaulichen Zustand des Kleinprivatwaldes in Baden-Württemberg objektiv und aktuell zu erfassen.

Ergebnisse

1) Die strukturelle Entwicklung des Privatwaldes nach 1945

Die Veränderung der Agrarstruktur kann als Entkoppelung der land- und forstwirtschaftlichen Betriebsteile und als Konzentrationsprozeß auf größere landwirtschaftliche Betriebseinheiten beschrieben werden. Die zunehmende Zahl der Betriebsaufgaben betrifft vor allem kleinere Betriebsgrößen. Während die landwirtschaftlichen Flächen i.d.R. an überlebende Betriebe verpachtet werden, verbleiben die Waldflächen - oft aus emotionalen Gründen - noch meist in der Hand der Eigentümer. Diese Entwicklung hatte eine Zunahme von Forstbetrieben in den kleineren Betriebsgrößenklassen und eine Abnahme gemischter land- und forstwirtschaftlicher Betriebe zur Folge. Als relativ stabil erwiesen sich hingegen größere Bauernwaldbetriebe in Gebieten mit relativ günstiger Besitzstruktur (z. B. im Höfegebiet des Mittleren Schwarzwaldes). Im Großprivatwald spielt der landwirtschaftliche Strukturwandel so gut wie keine Rolle.

Durch die beschriebene Entwicklung im Kleinprivatwald und infolge des Generationenwechsels nimmt das Interesse, das Wissen und die technischen Voraussetzungen zur weitgehend selbständigen Bewirtschaftung der Waldflächen durch den Eigentümer ab. Aufgrund der Kleinheit des Waldbesitzes und der Veränderung sozio-ökonomischer Bedingungen wurde die Größe der Flächen mit Strukturproblemen im Kleinprivatwald Baden-Württembergs Ende der 80er Jahre auf ca. 120.000 - 130.000 ha geschätzt. Diese Entwicklung läßt künftig auf eine Zweiteilung des Kleinprivatwaldes hinsichtlich der selbständigen Ausführung von Nutzungs- und Pflegemaßnahmen im Wald schließen.

2) Die waldbauliche Entwicklung des Privatwaldes nach 1945

Privatwald über 200 ha Besitzgröße umfaßt bei der Bundeswaldinventur 1987 ca. 156.000 ha Waldfläche. Im Kleinprivatwald nehmen Besitzgrößen bis 20 ha ca. 260.000 ha Waldfläche ein, Besitzgrößen über 20 - 200 ha dagegen nur ca. 85.000 ha. Angaben über die Anzahl der Waldeigentümer sind bei der BWI 1987 nicht möglich.

Hinsichtlich der Baumartenzusammensetzung ist im Kleinprivatwald ein sprunghafter Anstieg der Fichtenanteile in den jüngeren Altersklassen zu verzeichnen, im Großprivatwald sind die Anteile der Fichte in den Altersklassen I - V hingegen etwa gleich groß. Auch der Staatswald weist ein gleichmäßiges Verteilungsmuster auf, allerdings auf geringerem Niveau. Die sprunghafte Zunahme der Fichtenanteile kann im wesentlichen auf die Erstaufforstungen mit Fichte in den letzten vierzig Jahren im kleinparzellierten Privatwald in Realteilungsgebieten zurückgeführt werden. Im Großprivatwald wie im Staatswald ist diese Dynamik aufgrund der meist fehlenden landwirtschaftlichen Flächen und der relativ geringen Erstaufforstungstätigkeit nicht festzustellen.

Die Auswertungen der Mischungsanteile in Fichtenbeständen bestätigen den Trend zur Reinbestandswirtschaft im Kleinprivatwald. Bei der Interpretation des Pflegezustandes der zweiten Altersklasse der Fichte, erwies sich das subjektiv anzusprechende Merkmal "Offensichtlich vorhandene Pflegerückstände" jedoch als inkonsistent. Im Kleinprivatwald bis 20 ha wurde der Pflegezustand der zweiten Altersklasse Fichte deutlich schlechter beurteilt als im Kleinprivatwald der Größenklasse 20 - 200 ha. h/d-Werte um 100 können auch im Großprivatwald angesichts des hohen Hektarvorrats der Fichte (ca. 310 Vfm/ha) hinsichtlich der Stabilität der Bestände gegenüber mechanischen Belastungen wie Sturm und Schneedruck nicht zufriedenstellen.

Die BWI 1987 belegt ein bisher nicht gekanntes hohes Vorratsniveau im Privatwald und öffentlichen Wald. Die durchschnittlichen Hektarvorräte (um ca. 380 Vfm/ha) im Altersklassenwald unterscheiden sich in den einzelnen Privatwaldgrößenklassen nur gering voneinander.

3) Forstpolitische Beurteilung

Die waldbauliche Entwicklung des Privatwaldes nach 1945 wird forstpolitisch wie folgt beurteilt: Gesellschaftliche Kritik an den heute 20-40jahrigen Fichtenreinbeständen kann mit dem Hinweis auf die unausweichlichen historischen Notlagen und den damals gültigen forstpolitischen Zielsetzungen (Wiederaufbau der Wälder, Schwerpunkt Holzproduktion und Ertragsteigerung) weitgehend entkräftet werden. Problematisch zu beurteilen ist, daß forstpolitisch erwünschte Entwicklungen im Kleinprivatwald teilweise zu Ergebnissen geführt haben, die waldbaulich und verwertungstechnisch (Instabilität der Reinbestände, hohe Vorräte, geringer Deckungsbeitrag, ungünstige Waldflur) und aus raumordnerisch-landeskulturellen Gründen (Waldverteilung, ungeeignete Standorte, Reinbestände) heute nicht befriedigen. Angesichts der Zunahme der Struktur- und Bewirtschaftungsprobleme im Kleinprivatwald bis 20 ha bedarf daher diese Größenklasse forstpolitisch verstärkter Aufmerksamkeit.

4) Ausblick

Forstpolitisch weniger problematisch sind unter dem Aspekt der selbständigen Arbeitsausführung im Walde die meist günstiger strukturierten Bauernwaldbetriebe. Nach wie vor weitgehend ungelöst sind dagegen die Probleme im ungünstig strukturierten Privatwald in den Realteilungsgebieten. Hier sind Wissenschaft und die Politik gefordert, ein forstpolitisches Leitbild für den Kleinprivatwald zu entwickeln und darauf aufbauend nach effizienten Lösungsmöglichkeiten, wie etwa die Förderung gemeinsamer Bewirtschaftung, zu suchen. Ziel aller forstpolitischen Bemühungen sollte es sein, das Interesse der Waldbesitzer an ihrem Wald zu erhalten sowie verstärkt Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit zu wecken und zu fördern.

Konsequenz für die Praxis

Die Untersuchung zeigte, daß eine bundesweite Großrauminventur auf Stichprobenbasis ein modernes Monitoring-System ist, das einheitlich für alle Waldbesitzarten zuverlässige und aktuelle Daten zur waldbaulichen Situation der deutschen Wälder liefert. Für die mit herkömmlichen Methoden (z. B. Forsterhebung 1961) schwer erfaßbare Kategorie des Kleinprivatwaldes ist die Bundeswaldinventur auf Stichprobenbasis das einzig sinnvolle Instrument, den Waldzustand und vor allem auch seine Veränderungen zu ermitteln.

Mit der Erstinventur 1987 blieben Fragen nach dem Zuwachs unbeantwortet. Außerdem liegen derzeit keine uneingeschränkt vergleichbaren Daten für die Wälder in den neuen Bundesländern vor. Auch aus diesen Gründen sollte die Chance für eine Folgeinventur im Hinblick auf eine umfassend nachhaltige Nutzung des Ökosystems Wald ergriffen werden.

Literatur
  • NAIN, W., SCHMID, S. (1995): Wie repräsentativ sind forstliche Testbetriebsnetze in Baden-Württemberg bezogen auf die Bundeswaldinventur 1987? Forst und Holz, S. 600-605
  • SCHMID, S. (1996): Die strukturelle und waldbauliche Entwicklung des Privatwaldes in Baden-Württemberg nach 1945. Dissertation, Forstwiss. Fakultät, Universität Freiburg, 251 S.
  • SCHMID, S. (1993): Der Privatwald in Baden-Württemberg im Spiegel der Statistik - Oder: Wieviel Privatwald gibt es eigentlich? Forst und Holz, S. 164-170
  • UTZ, M. (1993): Ergebnisse der Bundeswaldinventur für das Wuchsgebiet Schwarzwald unter besonderer Berücksichtigung des Privatwaldes. Diplomarbeit (unveröff.), Universität Freiburg, 75 S.

 

Fördernde Institution:MLR

Förderkennzeichen:  55 - 90 . 13 




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