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Agrarforschung

Die Ausbildung im umweltschonenden, ökologisch orientierten Landbau  Baden-Württembergs - Situationsanalyse und Perspektivenentwicklung

Prof. Dr. Volker Hoffman und Dr. Alexander Gerber, Universität Hohenheim, Institut für Sozialwissenschaften des Agrarbereichs
April 1995 – Oktober 1998

Problemstellung

Die agrarpolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben die Land-wirtschaft dazu gezwungen, unter Ausnutzung des chemotechnischen Fortschritts immer rationalisierter, spezialisierter und intensiver zu wirtschaften. Als Folge dieser Intensivierung der Landwirtschaft gingen auch von der Landwirtschaft vermehrt Umweltbelastungen aus.

Als wirksame Strategien, um den Umweltproblemen der Landwirtschaft zu begegnen und eine umweltgerechte Landbewirtschaftung zu gewährleisten, wurden bislang der Erlaß entsprechender Verordnungen und Gesetze sowie die Beratung und Information der Landwirte angesehen. Eine dritte, ebenfalls wesentliche Strategie wird jedoch in der Vermittlung eines umweltgerechten Landbaus in der Aus- Fort- und Weiterbildung gesehen.

Die konkrete Umsetzung eines umweltschonenden, ökologisch orientierten Landbaus erfolgt durch die Landwirte selbst. Dabei werden hohe Anforderungen an die Landwirte gestellt: Ökologieorientiertes Fachwissen ist ebenso notwendig wie die Fähigkeit, sehr gute Einsichten in die Zusammenhänge und Wechselwirkungen innerhalb des Betriebes und zwischen Betrieb und Umwelt zu erlangen. Die Grundlage und Voraussetzung, um diese notwendige Qualifikation zu erlangen, ist in der Ein-beziehung entsprechender Inhalte in die Berufsbildung (Aus- und Fortbildung) zu sehen.

Bereits ausgebildete Landwirte erhalten durch Weiterbildungsangebote die Möglichkeit, den stetig wachsenden Anforderungen eines umweltfreundlichen Landbaus gerecht werden zu können. Von der Agrar- und Bildungspolitik wurde deshalb das umweltbezogene Bildungsangebot in den entsprechenden landwirtschaftlichen Bildungsgängen erweitert und die Lehrpläne wurden entsprechend modifiziert. Über Umfang, Qualität und Erfolg dieser Maß-nahmen lagen bislang allerdings keine Aussagen und Erkenntnisse vor.

Ziel

Ziel der vorliegenden Arbeit war es daher, eine erste Situationsanalyse der bestehenden umweltbezogenen Bildungsinhalte der landwirtschaftlichen Berufs- und Weiterbildung vorzunehmen, um daraus Schlußfolgerungen für mögliche Verbesserungen abzuleiten.

Methode

Für eine Analyse umweltbezogener Inhalte in der landwirtschaftlichen Berufsbildung war es zunächst wichtig, die verschiedenen existenten Ansätze für eine umweltgerechte Landwirtschaft zu definieren. Der Integrierte Anbau wurde dabei aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesellschaftlicher Ansprüche als Mindestanforderung an die Vermittlung einer umweltgerechten Landwirtschaft festgelegt.

Für eine erfolgreiche Vermittlung von Umweltthemen spielt die Methodik der Umweltbildung eine wesentliche Rolle. Die Grundlagen der Umweltbildung wurden dargestellt. Diese inhaltliche und methodische Analyse bildete den Hintergrund für die Bewertung der untersuchten landwirtschaftlichen Bildungsgänge Baden-Württembergs. Die Erhebungen zur Berufsbildung erfolgten durch den Einsatz verschiedener Methoden der empirischen Sozialforschung, wie Expertengespräche, Gruppenbefragungen, Fragebögen, teilnehmende Beobachtungen und Dokumentenanalysen. Befragt wurden Schüler und Lehrer der verschiedenen Ausbildungsgänge, sowie Ausbildungsberater und verschiedene Experten.

Neben den staatlichen Angeboten zur landwirtschaftlichen Berufsbildung wurde auch die "Freie Landbauschule Bodensee" als freie Ausbildungseinrichtung innerhalb der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise eingehend untersucht. Untersuchungszeitraum war der Frühsommer 1995 bis zum Frühjahr 1997. Gefördert wurde dieses Forsch-ungsvorhaben vom Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Baden-Württemberg. Eine Anschlußfinanzierung bestand durch die Stoll-VITA-Stiftung, Waldshut.

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, daß die Vermittlung einer umweltgerechten Landbewirt-schaftung in allen landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen, wenn auch in unterschiedlicher Weise, Einzug gehalten hat.

Der Lehrplan der Berufsschule und in noch größerem Umfang der Lehrplan der Fachschule berücksichtigen wichtige umweltbezogene Inhalte der Landbewirtschaftung. Allerdings werden diese Inhalte in beiden Lehrplänen als jeweils isolierte Themeneinheiten dargestellt. Beide Lehrpläne sprechen zwar die Notwendigkeit an, Themen einer umweltgerechten Landbewirtschaftung fächerübergreifend und in andere Lehrplaneinheiten integriert zu unterrichten, aufgrund der organisatorischen Bedingungen an den Schulen findet dies jedoch kaum statt.

Für die Umweltbildung förderliche Methoden, wie beispielsweise Projektarbeit, werden bislang kaum eingesetzt. Im Zuge der Reform der Fachschulen soll dort der Projektunterricht in Zukunft gestärkt werden. Die Fachschule bietet zudem gute Voraussetzungen für erfahrungsbezogenen und handlungsorientierten Unterricht. Der Integrierte Anbau ist, vor allem was den integrierten Pflanzenschutz betrifft, Inhalt des Unterrichts.

Der Integrierte Anbau stellt aber nicht den Mindeststandard für die Vermittlung einer umweltgerechten Landbewirtschaftung dar. Die Einstellung und das Engagement der Lehrer zum umweltgerechten Landbaus sind die wichtigsten Einflußfaktoren auf dessen Vermittlung im Unterricht, wobei große Unterschiede vor allem zwischen den Berufsschullehrern bestehen. Anders als in der Fachschule und der Meistervorbereitung, wo die Verzahnung von Schule und Betrieb mustergültig gegeben ist, bestehen in der Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und betrieblicher Ausbildung Defizite. Insgesamt trägt die Fachschule den größeren Anteil zum Erwerb von Umweltkompetenz bei. Als entscheidend muß hierfür der Praxisbezug der Fachschullehrer durch ihre gleichzeitige Tätigkeit als Berater angesehen werden. Gleichwohl kann der Erwerb von Umweltkompetenz insgesamt als verbesserungswürdig angesehen werden.

Der Ökologische Landbau, der die relativ vorzüglichste Form umweltgerechter Landbewirtschaftung darstellt, wird in der Berufsbildung behandelt. Inhalt und Umfang seiner Darstellung reichen jedoch nicht aus, damit ihn die Schüler als Bewirtschaftungsalternative einschätzen können.

Unzureichend sind die Inhalte zum Ökologischen Landbau für Schüler, die von Betrieben des Ökologischen Landbaus kommen. Ein regional begrenztes freies Ausbildungsangebot für Auszubildende biologisch-dynamischer Betriebe, besteht durch die "Freie Landbauschule Bodensee". Der Mensch als Handelnder steht hier in vorbildlicher Weise im Mittelpunkt der Berufsausbildung, während in fachlicher und methodischer Hinsicht Handlungsbedarf besteht. Wenngleich umweltbezogene Inhalte in der landwirtschaftlichen Berufsbildung einen größeren Umfang als in anderen Bildungsgängen einnehmen, so bestätigt diese Untersuchung dennoch die Ergebnisse bisheriger Arbeiten zur Umweltbildung, wonach umweltorientierte Inhalte als zusätzlicher Stoff angesehen werden, der mit der Vermittlung von Fachinhalten konkurriert und dem deshalb tendenziell eine zu geringe Rolle zugewiesen wird, anstatt fächerübergreifend in den gesamten Unterricht integriert zu werden. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls kritisch zu bewerten, daß auch in der landwirtschaftlichen Bildungspolitik nach wie vor davon ausgegangen wird, daß alles verfügbare Wissen gelehrt werden könne und auch gelernt wird.

Konsequenzen für die Praxis

Gefragt ist die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, die eine fachliche Grundqualifikation gewährleisten und darüber hinaus lebenslanges Lernen sowie die Erarbeitung neuen und aktuell benötigten Wissens ermöglichen.

Als Schlußfolgerung dieser Arbeit wird daher empfohlen, die Lehrpläne durch Rahmenlehrpläne zu ersetzen in denen der Integrierte Landbau als Mindeststandard umweltgerechter Landbewirtschaftung als flächenrübergreifendes Unterrichtsprinzip integriert ist. Besonders wichtig ist dabei die Verzahnung mit ökonomischen Fragestellungen anzusehen.

Zur Vermittlung umweltorientierter Inhalte sollten entsprechende Methoden, wie beispielsweise die Projektarbeit, gestärkt werden. Hierzu müssen die notwendigen organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden. Im Bereich der landwirtschaftlichen Berufsausbildung wird empfohlen, den Lehrern praxisnahe und an Umweltthemen ausgerichtete Weiterbildungen anzubieten. Für die erfolgreiche Vermittlung von Umweltthemen ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb anzustreben.

Diese Aufgabe könnte von den Ausbildungsberatern verstärkt wahrgenommen werden. Es erscheint empfehlenswert, daß die praktischen Arbeiten der Fachschule und der Meisterprüfung jeweils produktionstechnische, ökonomische und ökologische Fragestellungen umfassen. Für den Bereich des Ökologischen Landbaus ist eine Verbesserung des Angebots anzustreben. Besonders sollten spezifische Ausbildungsangebote für Schüler ökologisch wirtschaftender Betriebe angeboten werden. Entsprechende Vorschläge wurden unterbreitet. Eine staatliche Förderung der "Freien Landbauschule Bodensee" wird als sinnvoll betrachtet und begründet. Ebenso wird die Einrichtung von Weiterbildungslehrgängen sowohl zum Integrierten als auch zum Ökologischen Landbau empfohlen.

Weiterer Forschungsbedarf wurde vor allem für eine intensivere Analyse der Umweltbildung in der betrieblichen Ausbildung, für eine qualitative Analyse der Weiterbildungsangebote und für die Entwicklung von Methodenbausteinen landwirtschaftlicher Umweltbildung zusammen mit den Bildungseinrichtungen formuliert.

Literaturhinweis

Alexander Gerber (1999): Umweltgerechte Landbewirtschaftung in der landwirtschaftlichen Berufsbildung – Situationsanalyse und Perspektivenentwicklung am Beispiel Baden-Württembergs. Margraf Verlag, Weikersheim ISBN 3-8236-1310-3.

 

Fördernde Institution
MLR

Förderkennzeichen
23-95.11




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