Service-Navigation

Suchfunktion

Agrarforschung

Aulendorfer Extensivierungs- und Wertzahlenversuch

Dr. Gottfried Briemle, LVVG Aulendorf
Seit 1987

Problemstellung

Ein Großteil des heutigen Grünlandes wird heutzutage - besonders in Gebieten mit reiner Milchwirtschaft - wesentlich intensiver bewirtschaftet als noch vor 40 Jahren. Damals überwogen in Süddeutschland auf mäßig feuchten bis mäßig trockenen Standorten die Glatthafer- und Goldhaferwiesen, im feuchten bis nassen Bereich Kohldistel- oder Dotterblumenwiesen. Diese Wiesentypen waren ihrerseits durch entsprechende Bewirtschaftungsmaßnahmen aus sogenannten "Halbkul-turformationen" wie etwa Streuwiesen, Schaf- und Magerweiden hervorgegangen. Im wintermilden Norddeutschland waren dagegen schon immer die von fast ganzjähriger Weide geprägten Grünlandtypen zuhause, also die an Weidelgras reichen Weiden und verwandte Grünlandgesellschaften. Die in der Vergangenheit erfolgte Nutzungsintensivierung brachte es aber mit sich, daß sich das Erscheinungsbild der beiden Grünlandtypen einander annäherte, und heute auch im Süden sogenannte "Vielschnittwiesen" und Mähweiden" mit einem Anteil am Gesamtgrünland von etwa 55 % weit verbreitet sind. Dagegen sind Glatthafer-Talwiesen von etwa 35 % im Jahre 1950 auf 5 % zum Ende des 20. Jahrhunderts zurückgegangen (BRIEMLE et al. 1998).

Ausgehend von dem politischen Willen, die EU-Agrarüberschüsse zu dämpfen, wurde seit Mitte der 80er Jahre eine extensivere Grünlandbewirtschaftung propagiert, die schließlich mit dem Begriff "Grünlandextensivierung" zum Schlagwort wurde. Zu-nächst wurde davon ausgegangen, daß z.E. die biologische Diversität durch geringere Nutzungshäufigkeit und Düngungsverzicht bzw. Ausmagerung auf relativ einfachem Wege wieder erhöht werden könne, z.A. Futtermenge und Futterqualtität nicht zu stark absinken würden. Inwiefern diese Vermutungen zutreffen, sollte in dem Freilandversuch geklärt werden.

Ziel

Im Jahre 1987 wurde auf dem Versuchsgelände der LVVG Aulendorf ein "Extensivierungsversuch" angelegt, der u.a. Antworten auf folgende Fragen zur Grünlandextensivierung liefern sollte:

  1. Wie wirkt sich das "Herunterfahren" der Nutzungshäufigkeit - orientiert an Naturschutzauflagen - auf Pflanzenbestand, Artenvielfalt, Ertrag und Futterqualität aus? (Vorangegangene Nutzungsintensität: 4 Schnitte pro Jahr)
  2. Wie schnell magert der Standort bei unterschiedlicher Entzugshöhe unter der Variante "Mähen mit Abräumen ohne Düngung" aus?
  3. Kommt es unter "Mulchen" zu einer Eutrophierung oder einer Ausmagerung des Bodens an Nährstoffen?
Untersuchungsmethode

Quantitative Vegetationsanalysen werden einmal jährlich kurz vor dem 1. Schnitt nach der Methode KLAPP (1930) (Schätzung der Massenprozente) durchgeführt. Zur Erfassung struktureller Veränderungen im Pflanzenbestand wird außerdem der Deckungsgrad verschiedener Schichten notiert.

Neben der regelmäßigen Ertragsermittlung werden Pflanzenproben jeder Parzelle auf Inhaltsstoffe untersucht. Die Proben wurden bei 60° C getrocknet, um Untersuchungen zur Verdaulichkeit und Energiedichte nach dem Hohenheimer Futterwerttest (HFT) vornehmen zu können.

Die Makronährstoffe im Boden wurden an der Landesanstalt für Landwirtschaftliche Chemie in Stuttgart-Hohenheim nach der allgemein üblichen CAL-Methode analysiert. Die chemische Analyse der N-Gehalte (Norg) geschah nach der Methode KJELDAHL, die Kohlenstoff-Analyse nach der Methode WOESTHOFF mit dem "Coulomat 702" der Firma Ströhlein im eigenen Labor. Schließlich wurden in den ersten 5 Jahren noch Untersuchungen zur Stickstoff- Nettomineralisation nach der Methode RUNGE (1978) durchgeführt.

Ergebnis

Im Folgenden seien die wesentlichen Erkenntnisse aus dem 10jährigen Extensivierungsversuch stichwortartig zusammengefaßt. Eine Übertragbarkeit auf andere Grünlandstandorte ist nur hinsichtlich der Tendenz, nicht aber im Hinblick auf das standortabhängige Zahlenmaterial möglich.

Eine spontane Zunahme von Pflanzenarten erfolgte durch Extensivieren bzw. Standortausmagern nicht. Zu radikales Extensivieren, also das Verringern der Nutzungshäufigkeit von 4 auf 2 Schnitte oder gar nur 1 Schnitt ohne Düngung, bringt sogar Einbußen in der Artenvielfalt mit sich. Dies liegt am höheren Beschattungsgrad der vertikal nunmehr stärker strukturierten Bestände. Auch nach 10 Jahren Ausmagerung und Extensivierung sind geringe Artenzuwächse am ehesten bei 4-5maliger Nutzung, denn bei 2-3maliger zu verzeichnen.

Durch Reduzieren der Mahdhäufigkeit nehmen die Obergräser zu, wodurch Pflanzenbestände entstehen, die auf den ersten Blick wie Glatthaferwiesen aussehen. Allerdings fehlen ihnen über lange Zeit noch die Charakterarten.

Unter 4-5maliger Mahd ohne Düngung reduzierten sich die Erträge nach 10 Jahren um zwei Drittel (von 90 auf 30 dt TM/ha). Eine lediglich 2malige Mahd ohne Düngung reichte jedoch nicht aus, das Ertragspotential unter 60 dt TM/ha abzusenken.

Mulchen erzeugt Pflanzenbestände, die physiognomisch wie auch hinsichtlich der Biomasseproduktion zwischen denen ausgemagerter und gedüngter Bestände liegen. Das Mulchen führte nicht zu einer Ausmagerung des Bodens an Nährstoffen: Es erzeugt auf längere Sicht zwar weniger Biomasse als bei Mahd mit Entzugsdüngung, die Aufwuchsmengen liegen dennoch um 35 % höher als bei der Variante Mahd ohne Düngung. 2malige Mahd ohne Düngung entzieht dem Boden in etwa dieselbe Nährstoffmenge wie 3maliges Mulchen.

Die Nährstoff-Nachlieferung aus dem Boden un-gedüngter Grünlandbestände ist eine standortspezifische Konstante: Unabhängig von der Intensität der Ausmagerung liefert unsere Parabraunerde aus Moränemergel eine stets gleichbleibende Nährstoffmenge nach (abgeleitet von Reinnährstoff-Entzügen) von mindestens 95 kg Nmin, 63 kg CaO, 52 kg K 2 O, 34 kg P 2 O 5 und 20 kg MgO. Dies entspricht - mit Ausnahme des Kaliums - in etwa den Entzugswerten 2 schnittiger Wiesen in ungünstigen Ertragslagen.

Standardmäßig erhobene Bodenwerte (P, K, Mg) eignen sich nicht zum Nachweis von Ausmager-ungstendenzen: Während die Erträge nach 10 Jahren Ausmagerung um 62 % abnahmen, bleiben die Bodenwerte unverändert.

Was die Futterqualität betrifft, unterscheiden sich gedüngte Pflanzenbestände durch höhere Rohproteningehalte von ungedüngten, nicht aber in der Energiedichte. Diese ist ausschließlich vom Nutzungszeitpunkt abhängig. Die Futteraufwüchse von "gewaltsam extensiviertem" Grünland (Eiweiß-gehalt zwischen 7,2 und 11,5; Energiedichte zwischen 3,5 und 4,6 MJ NEL/kg TS) sind mit der Qualität von Magerwiesen vergleichbar und nicht mehr an Milchkühe, sondern höchstens an Pferde, wachsende Rinder und nichttragende Mutterschafe verfütterbar.

Ökologische Wertzahlen sind unterschiedlich verwertbar: Da Zeigerwerte wie z.B. die N-Zahl von einer Mindest-Artenzahl bzw. von einer generell stattfindenden Artendynamik abhängen, sind sie im vorliegenden Fall kaum brauchbar. Regelmäßige Ertragsmessungen sagen hier wesentlich mehr aus. Die mit den Massenprozenten zu wichtenden Nutzungswertzahlen (Futterwertzahl, Mahdverträglichkeitszahl) sind indes auch dann für Interpretationen gut geeignet, wenn die Artendynamik gering ist und sich nur Verschiebungen im Gras/Kraut-Verhältnis ergeben haben.

Eine Verknüpfung von standardmäßig erhobenen Bodenwerten (P, K, Mg) mit dem C/N-Verhältnis wird angeregt, um den relativen Nährstoffstatus des Bodens operationaler zu gestalten.

 

Literaturhinweise
Siehe Versuchsbericht ans MLR

 

Fördernde Institution
MLR

Förderkennzeichen
LVVG




MLR   |   Agrarforschung   

 

Fußleiste