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Beweidung

Schweine in der Landschaftspflege



Foto: C. Harf

  1. Historische Entwicklung der Schweinehaltung bis ins 20. Jahrhundert
  2. Rassen / Eignung zur Landschaftspflege
  3. Freilandhaltung von Schweinen
  4. Literatur
  5. Links


1. Historische Entwicklung der Schweinehaltung bis ins 20. Jahrhundert

In den meisten vor- und frühgeschichtlichen Kulturen nahm das Schwein in der Fleischerzeugung den ersten Platz ein. Knochenfunde aus Mesopotamien belegen, dass Schweine zusammen mit Schafen und Ziegen noch weitaus häufiger als Rinder gehalten wurden (HILZHEIMER 1934 in BEINLICH ET AL. 2001). Auch bei den Kelten und Germanen besaß die Schweinehaltung einen großen Stellenwert. Dabei wurden die Schweine bis in die jüngere Vergangenheit im Freiland gehalten, wobei bis ins 19. Jahrhundert hinein die Waldweide mit Waldmast vorherrschend war. So wurden z.B. im Solling Ende des 16. Jahrhunderts ca. 15.000 Schweine gemästet, im Reinhardswald sollen bis zu 200.000 Tiere eingetrieben worden sein (HAMM 1976 in BEINLICH ET AL. 2001). Entsprechend wurde der Wald meist nicht nach den Holzvorräten, sondern nach der Anzahl der Schweine, die in ihn eingetrieben werden konnten, bewertet (BEINLICH ET AL. 2001). In Folge der zunehmenden Devastierung der Wälder aufgrund der ausgedehnten Nutzung (Holz, Weide) wurde die bäuerliche Schweinehaltung zunehmend erschwert, was eine deutliche Verringerung der Schweinebestände in Mitteleuropa zur Folge hatte (DANNENBERG 1990 in BEINLICH ET AL. 2001). Die Weide wurde nun zunehmend auf Grün- und Ödland der Allmenden ausgedehnt, wobei bevorzugt feuchte Bereiche (nasses Auengrünland, Sümpfe) ausgewählt wurden (HIMMLER UND HÜHNERFAUTH 1996 in BEINLICH ET AL. 2001). Außerdem wurden die Schweine nach der Ernte zur „Nachernte“ ( auch noch nach den Rindern, Kühen und Schafen) auf die Stoppeläcker getrieben, wodurch auch zahlreiche Ackerschädlinge gefressen wurden. Als im 19. Jahrhundert jedoch intensivere Ackerbauverfahren eingeführt wurden, waren die Voraussetzungen für die Aufstallung der Tiere und eine schnellere Mast geschaffen, so dass die letzten Berichte von Freilandschweineherden von der Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts für Deutschland datieren.   In den Save-Auen zwischen Zagreb und Nove Gradiska wird die Schweinefreilandhaltung auf großflächigen Huteweiden jedoch immer noch praktiziert (BEINLICH ET AL. 2001).

 

2. Rassen/ Eignung zur Landschaftspflege

Schweine nehmen auf der Weide wie andere Weidetiere auch Gras und Kräuter auf. So können Altsauen bis zu 18 kg Rauhfutter pro Tag aufnehmen. Moderne Schweinerassen sind aufgrund ihrer Physiologie allerdings nicht in der Lage, diesem Futter viel Energie zu entnehmen, so dass bei hoher Besatzdichte, wie sie bei den intensiven Formen der Freilandhaltung die Regel ist, in erheblichem Umfang zugefüttert werden muss. Rauhfutter führt aber zu einer besseren Verwertung des Kraftfutters (BEINLICH ET AL. 2001).

Schweine fressen allerdings zusätzlich Wurzel, Knollen, Insekten, Regenwürmer, Kleinnager etc., die durch das charakteristische „ Umgraben “ der Bodendecke aufgespürt werden. Hierbei wird die Vegetationsdecke in erheblichem Umfang verletzt. Aus Sicht des Naturschutzes sind diese Verletzungen häufig erwünscht. Im Rahmen des seit 1999 durchgeführten F+E-Vorhabens „Schweinefreilandhaltung im Rahmen der Landschaftspflege“ lässt sich für die beweideten Standorte (feuchtes Auengrünland, fettes und nasses Grünland, flachgründige Kalk-Ackerbrachen, ruderalisierte, wiedervernässte Grünlandbrachen im Niedermoorbereich, trockenes, artenarmes Grünland) feststellen:

  • Schweineweiden stellen dynamische Lebensräume dar und können daher als Ersatzlebensräume für ehemals in der Natur- und Kulturlandschaft vorhandene dynamische Lebensräume, wie z.B. Flußauen, dienen (so ist z.B. der Kleefarn, eine Auenart, mit Aufgabe der Schweineweide, die seine letzten Rückzugsgebiete darstellte, in Deutschland ausgestorben (SCHNEIDER-JACOBY UND ERN 1990 in BEINLICH ET AL. 2001)).
  • Durch eine Belebung der Strukturvielfalt kommt es zu einer Anreicherung der Artenzahlen , insbesondere von an regelmäßige Störungen angepasste Arten bzw. Arten, die auf offenen Boden angewiesen sind.
  • Für die Fauna verbessert sich die Nahrungsverfügbarkeit auf Schweineweiden deutlich.

Foto: C. Harf

TREIBER (1997) (in BEINLICH ET AL. 2001) machte auf stark verfilzten bodensauren Halbtrockenrasen im französischen Département Haut-Rhin („Hochrhein“) ähnliche Beobachtungen: die durch die Schweine ausgelöste Vegetationsdynamik ermöglicht eine zyklische Regeneration der Rasen, wobei sich das räumliche Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungsphasen positiv auf die Artenvielfalt auswirkt, wenn auch einzelne Pflanzenarten (z.B. Frühlings-Adonisröschen, Orchideen) gezielt von den Schweinen ausgegraben werden und wenn sie nicht geschützt werden, Bestandseinbußen zu verzeichnen haben.

 

Geschlossener Rasen

Wildschweinwühlstellen

Anzahl Probeflächen (à 0,25m²)

35

35

Gesamtzahl Jungpflanzen

116

1826

Mittlere Anzahl Jungpflanzen

13

209

Artenzahl gesamt

21

45

Tab. 1: Jungpflanzen in geschlossenen Rasen des Agrosti-Brometum und auf Wildschwein-Wühlstellen
(nach TREIBER 1997 in BEINLICH ET AL. 2001)

 

Schweineweiden scheinen demnach besonders geeignet, zur Regeneration überalterter Bestände bzw. um die Sukzession auf ein früheres Stadium zurückzuwerfen .

 

Aufgrund ihrer höheren Widerstandsfähigkeit und robusterer Klauen sowie ihrer besseren Futterverwertung eignen sich v.a. ältere Schweinerassen zur Landschaftspflege:

 

Rasse

Eigenschaften

Besonderheiten

Schwäbisch-Hällisches Landschwein

Robust, gutmütig, fruchtbar, beste Muttereigenschaften, langsames Wachstum

fruchtbarste Schweinerasse, speckreich, sehr schmackhaftes Fleisch

Deutsches Sattelschwein

Widerstandsfähig, langlebig, milchergiebig, fruchtbar, beste Muttereigenschaften

 

Angler Sattelschwein

Hervorragende Muttereigenschaften, anspruchslos, gute Weidefähigkeit

kann sich ausschließlich von Gras auf der Weide ernähren, speckreich, hervorragende Fleischqualität

Rotbuntes Husumer Schwein

Robust, genügsam, winterhart, gute Muttereigenschaften, enorme Vitalität

 

Buntes Bentheimer Schwein

Fruchtbar, frühreif, leichtfuttrig, ruhiges Temperament, große Widerstandsfähigkeit

fettreich

Deutsche Landrasse Universal

Gute Fruchtbarkeit und Aufzuchtleistung

zucht- und mastgeeignet

Wollschweine (Mangalitza) ;

Robust, widerstandsfähig, winterhart

Sehr viel und guter Speck, Mangalitza-Schinken = hochwertige Delikatesse; wegen robuster Klauen für jedes Gelände geeignet, ganzjährige Freilandhaltung möglich; Suhle notwendig; besonders für extensive Weidehaltung geeignet

Düppeler Weideschwein

Widerstandsfähig, robust

Gute Marschfähigkeit, Speckschwein, außergewöhnliche Schlachtqualität

Tab. 2: alte Schweinerassen

 



3. Freilandhaltung von Schweinen

Ideale Standortbedingungen für die Freilandhaltung sind nach WOHLMUT 1994 (in BREMERMANN 2002): trockene Winter, Sommertemperaturen nicht über 25°C, maximale Jahresniederschläge von 750 mm im Jahr bei möglichst gleichmäßiger Verteilung der Niederschläge sowie leichte, gut wasserdurchlässige Böden. In jedem Fall müssen den Tieren genügend Wasser sowie Suhlen und schattige Plätze zur Verfügung stehen, da sie keine Schweißdrüsen besitzen (Roß 1998 in BREMERMANN 2002).

 

Die güsten und tragenden Sauen werden i.d.R. in Gruppen bis zu max.15 Tieren/ ha gehalten (DURST UND WILLEKE 1994 in BREMERMANN 2002), zur Landschaftspflege werden i.d.R. 2,5 – 5 Tiere/ ha gehalten. Die einzelnen Sauengehege werden durch 1-2reihige Elektrozäune getrennt werden und die Gesamtanlage zur seuchenhygienischen Absicherung zum Schutz vor Wildtieren durch einen doppelten Außenzaun eingesäumt wird, wie es nach §4 Abs. 1 Anl. 4 SchHalHygV 1999 vorgeschrieben ist (FRANKE UND REDEL 1997 in BREMERMANN 2002). Für je 5 – 6 Sauen steht eine Hütte zur Verfügung, die nicht wärmegedämmt sein muss und mit Stroh eingestreut wird. Pro Tier sollten ca. 1,5m² Liegefläche zur Verfügung stehen (DURST UND WILLEKE 1994 in BREMERMANN 2002). Die Wasserversorgung erfolgt über wannenförmige Tröge mit Schwimmerschaltung (FRANKE UND REDEL 1997 in BREMERMANN 2002). Bei künstlicher Besamung sollte sich zur Rauschestimulierung ein Ebergehege anschließen (FRANKE UND REDEL 1997 in BREMERMANN 2002), beim Natursprung ist ein Eber-Sauen-Verhältnis von ca. 1:13 günstig (KRAPOTH). Spätestens 1 Woche vor dem Abferkeln sollte ein Umstellen der Sauen in Abferkelparzellen erfolgen, wobei jeder Sau eine isolierte Hütte (ca. 140 x 250 cm) mit Plastikstreifenvorhängen als Windschutz zur Verfügung stehen muss (DURST UND WILLEKE 1994 in BREMERMANN 2002). Foto: C. Harf Da neugeborene Ferkel extrem kälteempfindlich sind, wirken sich niedrige Temperaturen (unter 5,5°C) signifikant auf die Anzahl lebend geborener bzw. tot geborener oder in den ersten Lebensstunden verendeten Tiere aus. Untersuchungen von TÖLLE, EDEN und KRIETER (2003) in 5 Ferkelerzeugerbetrieben in Niedersachsen fanden 8% Ferkelverluste durch Unterkühlung bei Outdoorhaltung, wogegen im Vergleich dazu bei Indoorhaltung nur 1,6% Ferkelverluste durch Unterkühlung auftraten (TÖLLE, EDEN UND KRIETER 2003). Nach CURTIS (1974 in TÖLLE, EDEN UND KRIETER 2003) mindert Kältestress die Überlebenschancen der neugeborenen Ferkel aufgrund deren geringer subkutanen Fettschicht. Auch muss darauf geachtet werden, dass die Abferkelhütten zum Zeitpunkt des Abferkelns trocken sind, da Nässe die Isolierwirkung der Einstreu herabsetzt.  Die Absetzferkel bis zum Gewicht von 25 – 30 kg werden in wärmegedämmten stroheingestreuten Hütten, die Platz für bis zu 30 Ferkel bieten, mit einem kleinen Auslauf gehalten und durch von außen befüllbare Automaten gefüttert (FRANKE UND REDEL 1997 in BREMERMANN 2002). Die Mastschweine werden in Gruppen von 20 bis 40 Tieren gehalten (DURST UND WILLEKE 1994 in BREMERMANN 2002).

Zur Vermeidung von Endoparasiten ist ein geregelter Weideumtrieb unter Berücksichtigung des Witterungsverlaufs und der saisonalen Dynamik parasitärer Infektionen erforderlich. Jungtiere dürfen nicht auf infizierte Weiden getrieben werden, da sie eine höhere Empfänglichkeit gegenüber Parasiten zeigen (MEYER 1989 in BREMERMANN 2002).

 

(Mögliche) Vorteile der Freilandhaltung:
  • bessere Gesundheit/ geringere Tierarztkosten : Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass im Freiland geborene und gehaltene Tiere aufgrund ihres stärkeren Immunsystems wesentlich seltener erkranken als im Stall geborene und gehaltene (BREMERMANN 2002, THORNTON 1990, MORTENSEN 1994). Laut PLONAIT 1997, KASPER 1999 und BARTUSSEK 1993 (alle in BREMERMANN 2002) ist dies auf den resistenz- und vitalitätssteigernden Einfluss des natürlichen Lichts zurückzuführen. Zudem hemmt das UV-Licht das Bakterienwachstum und erhöht die Durchblutung im Körper. Nach WEILER 1995 (in BREMERMANN 2002) wirkt sich außerdem die Bewegung positiv auf die Abwehrkräfte aus. Dagegen erkranken Tiere, die im Stall geboren werden und dann ins Freiland gebracht werden aufgrund des großen Stress zunächst häufiger (BREMERMANN 2002 und MEYER 1989 in BREMERMANN 2002). Lungen- und Atemwegserkrankungen spielen im Freiland keine Rolle (BARTUSSE 1993 in BREMERMANN 2002). Laut THORNTON 1990 ( in BREMERMANN 2002) liegen daher die Tierarztkosten in der Freilandhaltung bei der Hälfte der Tierarztkosten bei der Stallhaltung.
  • Geringerer Anteil an Kümmerern (BREMERMANN 2002).
  • Niedrigere Remontierungsrate von Jungsauen.
  • Eine bessere Gewichtszunahme in Aufzucht und Mast (schnelleres Erreichen des Endgewichts) (BREMERMANN 2002, SCHNEIDER 1996, OHL 1952, beide in BREMERMANN 2002).
  • Kein Auftreten von Hospitalismuserscheinungen wie Schwanzbeißen etc.
  • à für den Verbraucher Beweis von tiergerechter Haltung und von Medikamenten unbelastetes Fleisch.
  • Investitionskosten bei 20% des konventionellen Systems (KRAPOTH)
  • Wichtiger Beitrag in der Landschaftspflege zur Offenhaltung.
  • Förderung alter Haustierrassen , Wiedereinführung einer traditionellen Nutzungsform .
  • Schweine als Fremdenverkehrsmagnet (Ferkel und alte Rassen haben einen hohen Freizeitwert. Dies dürfte besonders für Fremdenverkehrsregionen von Bedeutung sein.
  • Förderung von Tier- und Pflanzenarten , die auf Störungen angewiesen sind.
  • Regionale Vermarktung der Produkte.

 

Nachteile der Freilandhaltung:
  • Schärfere Bestandshygienemaßnahmen aus tierseuchenrechtlichen Bestimmungen. (s.o.)
  • Größerer Flächenbedarf aufgrund Gülleverordnung.
  • Schlechtere Handelsklasseneinstufung aufgrund des höheren Fettgehalts (BREMERMANN 2002); AGDE UND EIDAM 1990 und INGOLD 1997 (beide in BREMERMANN 2002) kommen allerdings zu dem Gesamtergebnis einer besseren Fleischqualität .
  • höherer Arbeitsaufwand , v.a. im Winter

 

4. Literatur

5. Links

 

Freilandhaltung / Weideschweine


Haltung


Rassen


 Vermarktung / Erzeugerrichtlinien / Qualitätskriterien


Verordnungen / Gesetze / Richtlinien zur Schweinehaltung

 

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