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Biotoptypen und Landschaftselemente

Stillgewässer


Foto: C. Harf


 

1. Einleitung

Stillgewässer in Baden-Württemberg entstanden entweder in Folge der Würmeiszeit vor ca. 15.000 – 20.000 Jahren oder wurden meist im Hoch- oder Spätmittelalter für den Fischfang, die Wiesenbewässerung, den Mühlenantrieb, die Hochwasserrückhaltung, als Löschwasserreserve, die Deichelwässerung, das Leinebleichen, das Flachsrösten, die Trink- oder Waschwassergewinnung oder als Eisweiher angelegt. In neuerer Zeit entstehen freie Wasserflächen insbesondere durch den Kies- oder Lehmabbau. Folgende Arten von Stillgewässern werden unterschieden:

  • Die kleinsten stehenden Gewässer stellen die P f ü t z e n dar, die sich oft nur für wenige Wochen, etwa in Radspuren von Graswegen, bilden, und dennoch vorrübergehend einen Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bilden.
  • Ebenfalls nur periodisch wasserführend sind die T ü m p e l, die allerdings größer und somit über längere Zeit wasserführend sind, so dass sie z.B. für die Larvenentwicklung zahlreicher Amphibien geeignet sind.
  • T e i c h e sind künstlich angelegte, kleine bis mittelgroße, ganzjährig wasserführende Gewässer, die so flach sind, dass auf der gesamten Bodenoberfläche höhere Pflanzen siedeln können. Sie sind i.d.R. ablassbar und dienen der Fischproduktion. In Oberschwaben werden Teiche, die ehemals zur Fischproduktion angelegt wurden, heutzutage aber nicht mehr dahingehend genutzt werden, als W e i h e r bezeichnet.
  • In Norddeutschland dagegen wird unter einem Weiher ein natürlich entstandener k l e i n e r  F l a c h s e e verstanden.
  • Se e n besitzen im Gegensatz zum Weiher eine lichtlose und damit vegetationslose Tiefenregion.
  • Ein A l t w a s s e r ist eine abgeschnittene Flussschlinge mit Weihercharakter.
  • S t a u s e e n sind künstliche tiefe Stillgewässer mit einer stabilen Wärmeschichtung. Auch sie sind ablassbar.

 

2. Bedeutung

Stehende Kleingewässer sind Heimat und Lebensgrundlage für weit über 1000 Tier- und 200 Pflanzenarten. Neben dieser Lebensraumfunktion sind sie Landschaftselemente von hohem ästhetischen und kulturhistorischem Wert, die der Bevölkerung zu vielen Freizeitaktivitäten dienen (Baden, Boot fahren etc.).

Verbreitungsschwerpunkte der Biotoptypen der Stillgewässer:

 

See

Weiher/ Teich

Altwasser

Moorgewässer

Baggersee

Stausee

Tümpel/ Kleingewässer

Bodenseebecken

X

X

 

X

 

 

 

Oberschwäb. u. Westallgäuer Hügelland

X

X

 

X

 

 

X

Donau-Ablach-Platten

X

 

X

 

 

 

 

Donau-Iller-Lech-Platte

 

 

 

 

X

 

 

Riß-Aitrach-Platten

 

X

 

 

 

 

 

Flachland der Unteren Riß

 

 

X

 

 

 

 

Schwäb.-Fränk. Waldberge

 

X

 

 

 

X

X

Offenburger Rheinebene

 

 

X

 

 

 

 

Nördl. Oberrhein. Niederung

 

 

X

 

 

 

 

Oberrheinebene

 

 

 

 

X

 

 

Hochschwarzwald

 

 

 

X

 

 

 

Nordschwarzwald

 

 

 

X

 

 

 

Schönbuch und Glemswald

 

 

 

 

 

X

 

Mittleres Albvorland

 

 

 

 

 

X

 

Albuch und Härtsfeld

 

 

 

 

 

 

X

 

Kennzeichnende Pflanzengesellschaften: Größere Stillgewässer beherbergen meist Wasserpflanzengesellschaften der Verbände Potamogetoniuon pectinati und Nymphaeion albae sowie Röhrichte des Verbandes Phragmition australis. In Moorgewässern spezifisch sind Moortümpel-Wasserschlauch-Gesellschaften (Verband Sphagno-Urticolarion) oder die Vegetation der Übergangs- und Hochmoore (Ordnung Scheuchzeretalia und Klasse Oxycocco Sphagnetea). In Kleingewässern finden sich v.a. Wasserlinsen-Gesellschaften (Lemnion minoris) und Kleinröhrichte.

 

Kennzeichnende Tierarten: Fische, Amphibien, Wasservögel, Insekten

 

Foto: R. Müßler Biotopschutz nach §33 NatSchG: Naturnahe Uferbereiche und naturnahe Bereiche der Flachwasserzone des Bodensees sind nach §33 NatSchG geschützt. Nach §30 BNatSchG sind die natürlichen und naturnahen Bereiche fließender und stehender Binnengewässer einschließlich ihrer Ufer und der dazugehörenden uferbegleitenden natürlichen oder naturnahen Vegetation sowie ihrer natürlichen oder naturnahen Verlandungsbereiche, Altarme und regelmäßig überschwemmter Bereiche pauschal geschützt, inklusive der Wasserfläche. Verdeutlicht wird dies noch durch §31 BNatSchG, der die Länder zum Erhalt und der Weiterentwicklung aller oberirdischen Gewässer einschließlich ihrer Gewässerrandstreifen und Uferzonen als Lebensraum für heimische Tier- und Pflanzenarten verpflichtet.

 

 

3. Gefährdung

Neben der absichtlichen Beseitigung zahlreicher Kleingewässer durch Verfüllung und/ oder Entwässerung verschwanden zahlreiche Weiher durch Verlandung infolge extremer Eutrophierung. Nun unterliegt jedes Stillgewässer einer natürlichen Alterung und entwickelt sich im Zuge seiner Verlandung im Laufe der Jahrhunderte zu Mooren. Durch vielfältige menschliche Einflüsse durchlaufen viele Seen und Weiher jedoch eine unnatürlich schnelle Alterung und verschwinden innerhalb weniger Jahrzehnte. Der Grund für diese schnelle Alterung ist der hohe Eintrag von Pflanzennährstoffen und erodiertem Bodenmaterial durch

  • unangemessene Düngung in der Nähe von Gewässern.
  • im Übermaß und außerhalb der Vegetationszeit in Gewässernähe ausgebrachte Gülle.
  • Sickerwässer aus Fahrsilos und anderen Lagerplätzen.
  • Erosion.
  • unzureichend gereinigte häusliche Abwässer.
  • Abwässer aus defekten Kanalisationen.
  • gereinigte häusliche Abwässer.
  • Atmosphäre.
  • Industrieabwässer.
  • Sickerwässer.
  • Intensive Fischhaltung.

 

Des weiteren sind Stillgewässer gefährdet durch die Nutzung durch Freizeitaktivitäten (Baden, Tauchen, Surfen etc.).

 

4. Erhalt, Pflege und Neuanlage

Vorrang vor der Anlage neuer Kleingewässer sollte der Erhalt der bereits vorhandenen Gewässer genießen. Da davon ausgegangen werden kann, dass beinahe jedes Kleingewässer bei uns aufgrund von zivilisationsbedingten Einwirkungen in seiner trophischen Entwicklung weiter fortgeschritten ist, als dies natürlicherweise der Fall wäre (UM und MLR 1995), bedarf jedes Kleingewässer der Restaurierung oder Sanierung. Unter Restaurierung wird hier verstanden, die Eutrophierungserscheinungen bedingt durch Phosphate in den Gewässern selbst zu kompensieren (Entschlammung, Tiefenwasserableitung, Tiefenwasserbelüftung). Das Ziel der Sanierung ist dagegen, die Nährstoffeinträge in die Gewässer zu verhindern, und somit an den eigentlichen Ursachen anzusetzen. Vorrangig sollten für eine Sanierung in Betracht kommen:

  • tiefe und schlecht durchflossene Gewässer, in denen sich sehr viel biogene Sedimente bilden,
  • von höheren Wasserpflanzen dominierte Gewässer,
  • meso- oder oligotrophe natürliche Stillgewässer,
  • Gewässer, in denen seltene Tier- oder Pflanzenarten vorkommen, oder die als Biotop insgesamt wertvoll sind,
  • Badegewässer.

 

 

Die Sanierung eines Sees oder Weihers gliedert sich in folgende Schritte (nach UM und MLR 1995):

  • Untersuchung und Dokumentation des Sees oder Weihers und seines hydrologischen Einzugsgebiets:
  • Ökologischer Zustand des Gewässers (Beschaffenheit der Plankton- und Makrophytenflora, der Zooplanktonfauna sowie der Nährstoffstiuation).
  • Zustand der Fließgewässer im hydrologischen Einzugsgebiet.
  • Außerlandwirtschaftliche und landwirtschaftliche Nutzung des Einzugsgebiets (Topographie, Bodenverhältnisse, Art und Intensität der Tierhaltung, Lagerkapazität für Gülle und Gülleausbringung).
  • Des Zustandes der Abwasserbehandlung im Einzugsgebiet.
  • Fischereibiologische Untersuchungen.
  • Freizeitnutzung am und im Gewässer.
  • Entwicklung eines Sanierungskonzeptes aufgrund dieser Befunde.
  • Umsetzung des Sanierungskonzepts:
  • Vorantreiben von Maßnahmen zur Abwasserbehandlung im Einzugsgebiet (hierzu zählt auch, dass Kläranlagen nicht in Stillgewässer entwässert werden sollten).
  • Maßnahmen im Hinblick auf die landwirtschaftliche Nutzung der Einzugsgebiete (Beratung und Information, Extensivierung, Schaffung von ausreichender Güllelagerkapazität, Ausweisung von Schutzgebieten).
  • Vorschläge zu einer angepassten fischereilichen Nutzung des Gewässers.
  • Naturnaher Rückbau von Fließgewässern im Einzugsgebiet, die ehemals technisch ausgebaut worden sind.
  • Vorschläge zu einer ökologisch weniger belastenden Freizeitnutzung des Gewässers und seiner Umgebung (Schutz des Schilfgürtels, Ausweisung von Zonen für den Badebetrieb und den schutzwürdigen, nicht zugänglichen Bereichen).
  • Erfolgskontrolle

 

Wichtig für den Erfolg eines Sanierungsvorhabens ist es, dass möglichst schon vor den eigentlichen Untersuchungen alle an dem Vorhaben beteiligten und von ihm betroffenen Stellen, Institutionen und Personen informiert werden.

Sanierungsmaßnahmen wie die Reduktion der Einträge von Pflanzennährstoffen in einen See oder Weiher können – mit Einschränkungen – ohne vorherige Untersuchungen durchgeführt werden. Eingriffe in das innere Gefüge eines Gewässers (Restaurationen) sollten jedoch niemals ohne vorhergehende ausführliche Untersuchungen angegangen werden! Im allgemeinen sind Restaurationsmaßnahmen jedoch nur dann sinnvoll, wenn ihnen entsprechende Sanierungsmaßnahmen vorangegangen sind. Es entbehrt jeder Vernunft, durch oft teure technische Maßnahmen eutrophierende Substanzen aus einem See (Weiher) auszuleiten oder in seinem Sediment zu fixieren, wenn der Eintrag von außen unvermindert anhält (UM und MLR 1995).

 

Neben der Sanierung größerer Stillgewässer spielt auch die Neuanlage v.a. kleinerer Tümpel aus Amphibienschutzgründen eine Rolle, insbesondere dann, wenn das bisherige Laichgewässer dazu führt, dass bei den Amphibienwanderungen v.a. im Frühjahr zahlreiche Tiere überfahren werden. Da die Umsiedlung der Tiere jedoch sehr langwierig und kompliziert ist und außerdem die Populationen beiderseits der Straßen völlig voneinander isoliert werden, ist die Anlage einer Festanlage (Einfachdurchlässe bzw. Doppelröhren-System) zwar zu bevorzugen, wird aber meistens aus Kostengründen (pro Doppelröhre Kosten von rund 10 000 €) nicht in Erwägung gezogen. Ein saisonaler Amphibienschutzzaun dagegen berücksichtigt meist nicht die über einen längeren Zeitraum verteilte Rückwanderung der Jungamphibien, sowie die herbstliche Abwanderung der adulten Tiere, so dass diese weiterhin in erheblichem Maße vom Straßentod betroffen sind. So wird dann meist auf die vergleichsweise kostengünstige Alternative der Anlage eines Ersatzlaichgewässers ausgewichen, da dieses noch den zusätzlichen Anreiz der Belebung des Landschaftsbildes erfüllt.

 

Bei der Standortwahl für die Neuanlage eines Tümpels gilt es jedoch, einige wichtige Kriterien zu beachten:

  • Die Wasserversorgung muß gesichert sein (Grundwassernähe, Nachbarschaft eines Fließgewässers, zufließendes Hangwasser).
  • Der Teich muß in die vorgegebene topographische Situation passen (keinen Teich auf einer Hügelkuppe oder am Abhang anlegen).
  • Bereits vorhandene wertvolle Lebensräume dürfen keinesfalls zerstört werden (keine Teiche in Orchideen- oder Sumpfdotterblumenwiesen anlegen! Vor der Planung sind detaillierte Bestandsaufnahmen der vorhandenen Vegetation nötig.
  • Die Wasserhaltung des Teichs sollte gesichert sein (keine Teichfolien verwenden!)
  • Die Beseitigung des Aushubs muß sichergestellt sein.
  • Um die Teichfläche selbst sollte ein möglichst breiter, extensiv genutzter, Pufferstreifen zu benachbarten, intensiven Kulturen angelegt werden.
  • Die fischereiliche Nutzung sollte ausgeschlossen sein.

 

Ist ein Standort festgelegt, müssen bei dem Bau und der Gestaltung eines Amphibientümpels folgende Punkte beachtet werden:

  • Die Anlage mehrerer kleiner Tümpel von ca. 10 bis 30m Durchmesser ist einer einzelnen großen Wasserstelle vorzuziehen. Dabei sollten die einzelnen Teichkomplexe möglichst weniger als 3 km voneinander entfernt sein.
  • Das Ufer ist möglichst vielgestaltig zu gliedern.
  • Das Wasser sollte tiefere und flachere Stellen aufweisen, wobei eine ganzjährige Wasserführung von mind. 1m in den tiefsten Bereichen zu gewährleisten ist, um eine frostfreie Sicherheitszone für Wasserüberwinterer zu bieten.
  • Es sollten sowohl besonnte als auch beschattete Stellen vorhanden sein.
  • Weder Pflanzen noch Tiere sollten künstlich eingebracht werden, sondern die natürliche Besiedlung sollte ungehindert stattfinden können. (MLR 10-87)

 

5. Literatur

  • AID (Hrsg.) (2007): Kleingewässer erkennen, schützen und schaffen. 9., überarb. Auflage. 80 S. ISBN 3-8308-0645-0
  • UM und MLR (Hrsg.) (1995): Aktionsprogramm zur Sanierung Oberschwäbischer Seen: Leitfaden für die Sanierung Oberschwäbischer Seen. 54 S.
  • MINISTERIUM FÜR LANDLICHEN RAUM, ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT UND FORSTEN (Hrsg.) (1987): Landschaft als Lebensraum. Biotopvernetzung in der Flur. -  Stuttgart. 95 S. (MLR-10-87)
  • ROTH, D. UND BERGER, W. (1999): Kosten der Landschaftspflege im Agrarraum. – In: KONOLD, W., BÖCKER, R. UND HAMPICKE, U. (1999): Handbuch Naturschutz und Landschaftspflege. Kompendium zu Schutz und Entwicklung von Lebensräumen und Landschaften. – Landsberg: ecomed.

6. Links

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