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Biotoptypen und Landschaftselemente

Ackerwildkrautäcker



Ackerwildkräuter

1. Einleitung

Mit dem Beginn des Ackerbaus vor ca. 5000 Jahren schuf der Mensch einen Lebensraum mit bis dahin nur selten vorkommenden Standortbedingungen. Dieser Standort bot nicht nur den in Kultur genommenen Pflanzen einen Lebensraum sondern auch zahlreichen Wildkräutern – seien es Arten von Sonderstandorten wie Spülsäume der Flüsse oder Seen oder aus benachbarten Florenregionen, insbesondere aus der Heimat der Kulturpflanzen (Steppengebiete Südosteuropas und Vorderasiens). Seither haben sich viele dieser Arten an die jährliche Bodenbearbeitung, die Technik des Ackerbaus und an bestimmte Kulturpflanzen angepasst. So findet man im Wintergetreide meist andere Ackerwildkräuter als im Sommergetreide oder in Hackfrüchten. Als hervorragendes Beispiel hierfür kann die Kornrade (Agrostemma githago) dienen, die in ihrem Lebenszyklus vollständig an Aussaat und Ernte des Getreides angepasst ist. Früher wurde das Getreide noch in Garben gebunden, in die Scheunen eingefahren und im Winter gedroschen. Dabei wurden langstielige Ackerwildkräuter wie die Kornrade mit eingefahren, überwinterten in der Scheune, gelangten mit dem Stroh in den Viehstall und im Frühjahr mit dem Mist wieder auf’s Feld. Heute wird beim Mähdrusch Korn und Stroh getrennt und die Samen der Wildkräuter bleiben auf dem Feld zurück. Da der Samen der Kornrade frostempfindlich ist, überlebt er im freien Feld nicht und ist auf das Winterquartier in Scheune und Stall angewiesen (LANDESAMT FÜR AGRARORDNUNG NRW 1991).



2. Bedeutung und Verbreitung der Ackerwildkräuter

Ackerwildkräuter bilden wichtige Glieder der seit Jahrtausenden gewachsenen Lebensgemeinschaften aus Pflanzen und Tieren. So hängen von jeder Ackerwildkrautart im Durchschnitt 12 pflanzenfressende und blütenbesuchende Tierarten ab, von denen sich wiederum etliche Tierarten ernähren. So führt der Rückgang der Wildkräuter letztendlich z.B. auch zu einem Rückgang des Rebhuhns, dessen Jungen in den ersten 14 Lebenstagen auf tierische Nahrung angewiesen sind.

Zahlreiche Ackerwildkräuter sind außerdem seit langem als Heil- und Nahrungspflanzen bekannt (z.B. Echte Kamille, Gemeiner Erdrauch) oder bilden die Urform heutiger Kulturpflanzen (z.B. Hafer als Abkömmling des Flughafers). Auch wenn heute unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten gesichert erscheint, können die Wirkstoffe zahlreicher Ackerwildkräuter schon bald wieder von Interesse sein. Ihr Erbgut muss daher unbedingt erhalten werden.

Darüber hinaus tragen Ackerwildkräuter als Zeugen alter bäuerlicher Kultur zu einem attraktiven Landschaftsbild und damit auch zur Erholungsfunktion der Landschaft bei.

Da zum Erhalt der Ackerwildkrautflora generell eine extensive Ackernutzung notwendig ist, sorgen Ackerwildkräuter auch indirekt durch ihre Puffer- und Vernetzungsfunktion für einen artenreichen Lebensraum.

Da Ackerwildkräuter sehr unterschiedliche Ansprüche an den Standort und das Klima stellen, unterscheidet sich die typische Ackerwildkrautflora der Landschaften Baden-Württembergs stark. Neben Arten, die nur in bestimmten Landesteilen vorkommen, gibt es aber auch eine sog. „Basisgruppe", die auf den Äckern des ganzen Landes zu finden ist. Hierzu zählen die Arten der Kornraden-Gruppe: Hundspetersilie (Aethusa cynapium), Kornrade (Agrostemma githago), Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis), Schlitzblättriger Stochschnabel (Geranium dissectum), Acker-Steinsame (Lithospermum arvense), Acker-Witwenblume (Knautia arvensis), Gewöhnliches Leinkraut (Linaria vulgaris) und Großer Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus) (PIERNY 1994: 23).

Verbreitungsschwerpunkte: Oberrheinebene, Kraichgau, Obere Gäue und Ostalb

Biotopschutz nach §33 NatSchG: Da Ackerwildkräuter an den Ackerbau gebunden sind können sie nicht pauschal als „Biotop" unter Schutz gestellt werden.

Karte 1: Potentiell vorkommende Artengruppen in den Teillandschaften und Standortkomplexen Baden-Württembergs

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(1) Ackerlichtnelken-Gruppe

(2) Adonisröschen-Gruppe

(3) Haftdolden-Gruppe

(4) Tännel-Leinkraut-Gruppe

(5) Ranken-Platterbsen-Gruppe

(6) Knäuel-Gruppe

(7) Europäischer-Sauerklee-Gruppe

(8) Sandmohn-Gruppe

(9) Lämmersalat-Gruppe

 

1

Ackerlichtnelken-Gruppe

In ganz Baden-Württemberg von der Ebene bis in höhere Lagen vorkommende Arten auf kalkhaltigen bis kalkreichen Böden unterschiedlicher Bodenart (steinig, Lehm, Ton)

1

Kohl-Lauch

Allium oleraceum

1

Acker-Glockenblume

Campanula rapuncoloides

1

Acker-Hornkraut

Cerastium arvense

1

Kleines Löwenmaul

Chaenorrinum minus

1

Wegwarte

Cichorium intybus

1

Kleine Wolfsmilch

Euphorbia exigua

1

Breitblättrige Wolfsmilch

Euphorbia platyphyllos

1

Tauben-Storchschnabel

Geranium columbinum

1

Knollen- Platterbse

Lathyrus tuberosus

1

Feldkresse

Lepidium campestre

1

Acker- Wachtelweizen

Melampyrum arvense

1

Acker-Hahnenfuß

Ranunculus arvensis

1

Ackerröte

Sherardia arvensis

1

Ackerlichtnelke

Silene noctiflora

1

Gezähnter Feldsalat

Valerianella dentata

1

Kuhnelke

Vaccaria hispanica*

1

Gemeiner Feldsalat

Valerianella locusta

1

Auf die tiefer gelegenen wärmeren Landesteile beschränken sich folgende Arten dieser Gruppe

1

Gelber Günsel

Ajuga chamaepitys*

1

Rauhaariger Eibisch

Althaea hirsuta*

1

Saat-Leindotter

Camelina microcarpa*

1

Acker-Rittersporn

Consolida regalis

1

Schleichers Erdrauch

Fumaria schleicheri*

1

Acker-Labkraut

Galium spurium*

1

Echter Frauenspiegel

Legousia speculum-veneris*

1

Frühlings-Zahntrost

Odontites verna

1

Gelbmilchender Mohn

Papaver lecoquii*

1

Färber-Reseda

Reseda luteola

1

Weiße Lichtnelke

Silene alba

1

Glänzender Ehrenpreis

Veronica polita

1

Schmalblättrige Vogelwicke

Vicia tenuifolia

1

Folgende Arten bevorzugen dagegen die submontanen bis montanen Lagen von Schwäbischer Alb und Albvorrand mit entsprechenden Bodenverhältnissen:

1

Gras-Platterbse

Lathyrus nissolia*

1

Rispen-Finkensame

Neslia paniculata

1

Große Fetthenne

Sedum telephium agg.

2

Adonisröschen-Gruppe

Die Arten dieser Gruppe besiedeln kalkhaltige bis kalkreiche, trockene, skelettreiche Lehm- und Tonböden, wie sie zumindest lokal in allen Naturräumen mit kalkhaltigem geologischem Ausgangsmaterial auftreten können.

2

Sommer-Adonisröschen

Adonis aestivalis*

2

Kelch-Steinkresse

Alyssum alyssoides

2

Blauer Gauchheil

Anagallis foemina*

2

Blasser Erdrauch

Fumaria vaillantii

2

Schmalblättriger Hohlzahn

Galeopsis angustifolia

2

Breitblättriger Hohlzahn

Galeopsis ladanum

2

Einjähriger Ziest

Stachys annua*

2

Trauben-Gamander

Teucrium botrys*

3

Haftdolden-Gruppe

In Baden-Württemberg hochgradig gefährdete Arten, die in ihrem Vorkommen auf kalkreiche, warme, trockene, skelettreiche Lehm- und Tonböden – auf die Kalkscherbenäcker – der Schwäbischen Alb und Muschelkalk-Gäulandschaften beschränkt sind.

Eine wesentliche Gefährdungsursache neben dem Herbizideinsatz ist die Nutzungsaufgabe solcher steinigen, flachgründigen Grenzertragsflächen.

Die meisten Arten dieser Gruppe zeichnen sich durch große. Leicht aus dem Getreidesaatgut zu entfernende Samen aus. Daher befinden sie sich auch durch effektive Getreidesaatgutreinigung schon seit Jahrzehnten in stetem Rückgang.

3

Flammen-Adonisröschen

Adonis flammea*

3

Strahlendolde

Biforia radians*

3

Acker-Hasenohr

Bupleurum rotundifolium*

3

Möhren-Haftdolde

Caucalis platycarpos*

3

Ackerkohl

Conringia orientalis*

3

Dreihörniges Labkraut

Galium tricornutum*

3

Kleiner Frauenspiegel

Legousia hybrida*

3

Acker-Schwarzkümmel

Nigella arvensis*

3

Großblütiger Breitsame

Orlaya grandiflora*

3

Venuskamm

Scandix pecten-veneris*

3

Spatzenzunge

Thymelaea passerina*

4

Tännel-Leinkraut-Gruppe

Ackerwildkräuter auf mehr oder weniger kalkhaltigen, mäßig trockenen bis frischen, bindigen, oft zur Verdichtung neigenden Lehm- und Tonböden in tieferen Lagen des Landes bis etwa 600 m NN.

Bei den Tännel-Leinkraut-Arten handelt es sich um so genannte „Stoppelunkräuter", Ackerwildkräuter, die erst nach der Ernte auf den Stoppeln zur Samenreife gelangen. Durch den heute üblichen frühen Stoppelumbruch unmittelbar nach der Ernte des Getreides sind solche Arten daher in ihrer Entwicklung beeinträchtigt.

4

Runder Lauch

Allium rotundum*

4

Ackertrespe

Bromus arvensis*

4

Spießblättriges Tännel-Leinkraut

Kickxia elatine*

4

Eiblättriges Tännel-Leinkraut

Kickxia spuria*

4

Hohldotter

Myagrum perfoliatum*

4

Breitblättrige Haftdolde

Turgenia latifolia*

4

Gefurchter Feldsalat

Valerianella rimosa*

5

Ranken-Platterbsen-Gruppe

Sehr Wärme liebende, submediterrane bis mediterrane Arten, die auf mehr oder weniger kalkhaltigen Löß-, Lehm- oder Tonböden in sommerwarmen und –trockenen Tieflagen des westlichen Baden-Württemberg, vorzugsweise im Weinbauklima vorkommen.

5

Knollenkümmel

Bunium bulbosactanum*

5

Acker-Ringelblume

Calendula arvensis*

5

Bärtiges Hornkraut

Cerastium brachypetalum

5

Schöner Pippau

Crepis pulchra*

5

Mauer-Doppelsame

Diplotaxis muralis*

5

Wiesen-Goldstern

Gagea pratensis*

5

Ranken-Platterbse

Lathyrus aphacea*

5

Rauhaarige Platterbse

Lathyrus hirsutus*

5

Einjähriges Bingelkraut

Mercurialis annua

5

Acker-Klettenkerbel

Torilis arvensis*

5

Rebsalat

Valerianella carinata

5

Schmalblättrige Wicke

Vicia angustifolia

6

Knäuel-Gruppe

In ganz Baden-Württemberg von der Ebene bis in hohe Lagen vorkommende Arten auf kalkarmen bis kalkfreien bzw. entkalkten, neutralen bis sauren Böden unterschiedlicher Bodenart (Sand, Lehm, Ton).

 

Kalkung und Stickstoffdüngung kalkarmer Äcker bewirkten einen deutlichen Rückgang bei vielen dieser noch wenig gefährdeten Arten.

6

Acker-Hundskamille

Anthemis arvensis

6

Acker-Schmalwand

Arabidopsis thaliana

6

Hederich

Raphanus raphanistrum

6

Einjähriger Knäuel

Scleranthus annuus

6

Acker-Spörgel

Spergula arvensis

6

Rote Schuppenmiere

Spergularia rubra*

6

Feld-Ehrenpreis

Veronica arvensis

6

Wildes Stiefmütterchen

Viola tricolor s. str. (nur montan!)

6

Arten dieser Gruppe, die hohe Lagen über ca. 900 m NN meiden:

6

Stinkende Hundskamille

Anthemis cotula

6

Acker-Frauenmantel

Aphanes arvensis

6

Roggentrespe

Bromus secalinus*

6

Kornblume

Centaurea cyanus

6

Weicher Storchschnabel

Geranium molle

6

Acker-Löwenmaul

Misopates orontium*

6

Hasenklee

Trifolium arvense

6

Folgende Arten haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in Osteuropa und finden sich nur im östlichen Baden-Württemberg bei entsprechenden Standortverhältnissen:

6

Weichhaariger Hohlzahn

Galeopsis pubescens

6

Bunter Hohlzahn

Galeopsis speciosa

6

Frühlings-Zahntrost

Odontites verna

7

Europäischer-Sauerklee-Gruppe

Die noch recht häufigen Arten dieser Gruppe bevorzugen kalkarme, frische bis feuchte, oft zu Verdichtung und Vernässung neigende sandige oder reine bis schwere Lehm- und Tonböden von der Ebene bis in den Montanbereich in subozeanisch getönter Klimalage.

7

Knäuel-Hornkraut

Cerastium glomeratum

7

Acker-Schöterich

Erysimum cheiranthoides

7

Niederliegendes Johannsikraut

Hypericum humifusum

7

Europäischer Sauerklee

Oxalis fontana

7

Niederliegendes Mastkraut

Sagina procumbens

7

Faden-Klee

Trifolium dubium

7

Acker-Ehrenpreis

Veronica agrestis

7

Quendelblättriger Ehrenpreis

Veronica serpyllifolia

8

Sandmohn-Gruppe

Sandzeiger, die auf kalkarmen, trockenen, sommerwarmen, mäßig nährstoffreichen Sandböden in tiefer gelegenen Landschaften mit subkontinentaler Tönung vorkommen.

Kalkung und Stickstoffdüngung sind auch bei dieser Gruppe die entscheidenden Rückgangsursachen.

8

Acker-Krummhals

Anchusa arvensis

8

Reiherschnabel

Erodium cicutarium

8

Acker-Filzkraut

Filago arvensis*

8

Gemeines Filzkraut

Filago vulgaris*

8

Acker-Gelbstern

Gagea villosa*

8

Doldige Spurre

Holosteum umbellatum

8

Ästige Sommerwurz

Orobanche ramosa*

8

Sandmohn

Papaver argemone*

8

Saatmohn

Papaver dubium

8

Rispen-Lieschgras

Phleum paniculatum*

8

Dreiblättriger Ehrenpreis

Veronica triphyllos*

8

Frühlings-Ehrenpreis

Veronica verna*

8

Zottelwicke

Vicia villosa

9

Lämmersalat-Gruppe

In Baden-Württemberg sehr seltene Arten auf kalkfreien, sauren, nährstoffarmen Sand- und Silikatgrus-Böden in wintermildhumider, subatlantischer Klimalage.

Der starke Rückgang dieser zum Teil hochgradig gefährdeten Arten wurde durch Kalkung und Düngung bewirkt, was sich auf die säureliebenden Magerkeitsanzeiger dieser Gruppe besonders gravierend auswirkt, sowie durch Aufforstung bzw. Brachfallen ertragsarmer Sandäcker.

9

Kleinfrüchtiger Ackerfrauenmantel

Aphanes microcarpa*

9

Lämmersalat

Arnoseris minima*

9

Hirschsprung

Corrigiola litoralis*

9

Saat-Hohlzahn

Galeopsis segetum*

9

Kahles Ferkelkraut

Hypochaeris glabra*

9

Buntes Vergißmeinnicht

Myosotis discolor*

9

Kleiner Vogelfuß

Ornithopus perpusillus

9

Acker-Ziest

Stachys arvensis*

9

Bauernsenf

Teesdalia nudicaulis*



Artenausstattung der Regionen Baden-Württembergs an Ackerwildkräutern (nach PIERNY 1994):

Bezüglich der noch vorhandenen Artenausstattung an Wildkräutern der Regionen Baden-Württembergs können drei Kategorien unterschieden werden, für die jeweils unterschiedliche Zielrichtungen für Maßnahmen zum Schutz der Ackerwildkräuter bestehen:

  • Spitzenregionen, die noch eine vielfältige, regionstypische Artenausstattung besitzen und darüber hinaus auch durch das (Rest-) Vorkommen zahlreicher hochgradig gefährdeter Ackerwildkräuter ausgezeichnet sind.
    Hierzu zählen die Hardtebene, der Untere Grundgebirgs-Schwarzwald, der Kraichgau, das Muschelkalk-Tauberland, der Gipskeuper, das Westliche Albvorland, die Westliche Voralb, die Bopfinger Voralb mit Ipf und Blasienberg und die Weißjuraflächen von Albuch und Härtsfeld
  • Entwicklungsgebiete, die insbesondere an „Rote-Liste-Arten" keine „Raritä ten" mehr aufweisen, in denen jedoch das regionsspezifische Artenmuster noch deutlich ausgeprägt ist.
    Hierzu zählen die Niederungen der Mannheim-Karlsruher Rheinebene und der Neckarschwemmkegel, die Hohenloher Ebene, das Untere Kocher-Jagstland und Bauland, das Heckengäu, die Schwäbisch-Fränkischen Waldberge, das Mittlere Albvorland und die Mittlere Voralb, das Östliche Albvorland und die Östliche Voralb, die Hohe Alb und die kalten Lagen der Mittleren Kuppenalb und Filsalb, die Lone-Flächenalb, das Altmoränenhügelland und das Iller-Riß-Gebiet
  • Verarmungsgebiete, deren Artenausstattung durch die moderne Landbewirtschaftung – nicht natürlicherweise, wie dies z.B. in Hochlagen der Fall ist – soweit verarmt ist, dass typische Arten fehlen und nur noch unspezifische, weit verbreitete Wildkräuter zu finden sind.
    Hierzu zählen das Neckarbecken, das Korn- und Strohgäu, die Filder, die mäßig kühlen Lagen der Mittleren Kuppenalb und Filsalb, die Feuersteinlehmflächen in Albuch und Härtsfeld, die Mittlere Flächenalb, das Hochrheingebiet, das Bodenseegebiet und das Jungmoränenhügelland (PIERNY 1994: 16ff).
Karte 2: Entwicklungszustand der Ackerbegleitflora in den Teillandschaften und Standortkomplexen Baden-Württembergs 1994 (nach PIERNY 1994)

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3. Gefährdung

Schon seit Beginn des Ackerbaus versucht der Mensch, die „Nutzpflanzen" vor der Konkurrenz durch die unerwünschten Wildkräuter zu schützen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts führten diese Bemühungen jedoch lediglich zu einem Zurückdrängen der Ackerwildkräuter. Erst seit dieser Zeit führten die ständige Intensivierung im Ackerbau und die konsequente „Unkrautbekämpfung" zu einem drastischen Rückgang bis hin zur Ausrottung, So sind von den rund 220 in Baden-Württemberg ehemals vorkommenden Ackerwildkrautarten bereits 17 ausgestorben oder verschollen, 18 vom Aussterben bedroht, 19 stark gefährdet und 38 gefährdet. Betroffen sind v.a. die in Wintergetreideäckern vorkommenden Ackerwildkrautarten (KÜBLER-THOMAS 1988). Zugenommen haben lediglich mehrjährige (z.B. Quecke, Ackerwinde), stickstoffliebende Arten (z.B. Klettenlabkraut) und einjährige Gräser (z.B. Windhalm, Flughafer).

Ursachen für diese Entwicklung im einzelnen sind:

  • Aufgabe alter Ackerkulturen (z.B. Flachs, Buchweizen)
  • bessere Bodenbearbeitung, seit 1950 Vollmechanische Bodenbearbeitung
  • bessere mechanische Unkrautbekämpfung, vermehrter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, großflächige chemische Unkrautbekämpfung (keine Samenneubildung mehr; Samenvorrat im Boden erschöpft sich)
  • steigende Mineraldüngergaben (dichterer Stand der Ackerkulturen verdrängt lichtliebende Ackerwildkräuter)
  • verbesserte Saatgutreinigung
  • Züchtung breitblättriger Getreidesorten (geschlossene Pflanzendecke verdrängt lichtliebende Ackerwildkräuter)

4. Schutz von Ackerwildkrautäckern:

Aufgrund oben erwähnter Gefährdungsursachen ist unsere heutige Ackerflur an Ackerwildkräutern oftmals verarmt. Vereinzelt findet man noch Äcker mit einer artenreichen Ackerwildkrautflora bzw. Äcker die im Randbereich noch Restvorkommen an Ackerwildkräutern aufweisen. Diese gilt es durch ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung zu erhalten.

Suche und Auffinden eines geeigneten Ackers zur Bewirtschaftung als Ackerwildkrautacker:

Die ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung eines Ackers bringt nur den gewünschten Erfolg, wenn im Acker noch keimfähiges Samenpotenzial an Ackerwildkräutern vorhanden ist. Zudem sollten sich nicht in stärkerem Maße Problemunkräuter (Quecke, Ampfer, Kratzdistel) auf dem Acker bzw. am Rand des Ackers befinden.

daraus folgt: Das vorhandene Samenpotenzial des Ackers muss überprüft werden.

Sind Restvorkommen an Ackerwildkräutern im Acker oder auf einer Ackerbrache (einschließlich Arten der Roten Liste) vorhanden? Sind Ackerwildkräuter (einschließlich Arten der Roten Liste) am Rand des Ackers vorhanden? Sind wenige oder keine Problemunkräuter vorhanden?
Wenn dies der Fall ist, ist eine ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung anzustreben.

Nach Auffinden eines geeigneten Ackers:

Vertreter des Landschaftserhaltungsverbandes oder der Naturschutzbehörde halten Rücksprache mit dem Landwirt, ob er sich eine Bewirtschaftung als Ackerwildkrautacker vorstellen kann. Die Bewirtschaftung ist als Ackerrandstreifen (mindetens 5 m Breite) oder flächig möglich. Dem Landwirt werden durch Vertreter der Landschaftserhaltungsverbände oder der Naturschutzbehörde die Bewirtschaftungsbedingungen und die finanziellen Fördermöglichkeiten für Ackerwildkrautäcker erläutert.


Bewirtschaftungsbedingungen bzw. -empfehlungen:

  • Verzicht auf Pflanzenschutzmitttel (Herbizide, Fungizide, Insektizide e. t. c.), Halmstabilisatoren und Wachstumsregulatoren
  • Bodenbearbeitung mit dem Pflug (wendende Bodenbearbeitung)
  • Betonung der Fruchtfolge auf Winterfruchtbeständen
  • möglichst weite, extensive, kulturartenreiche Fruchtfolgen
  • als Frucht besondners geeignet sind: Roggen, Dinkel, Hafer, Braugerste
  • lediglich geringe Düngung
  • verringerte Aussaatstärke (50 bis 70% der regulären Saatgutmenge)
  • vergrößerter Abstand der Getreidereihen auf 18-20 cm
  • Verzicht auf pflegeintensive Sonderkulturen und Maisanbau
  • auf sauren, sandigen Böden Einschränkung oder Verzicht auf Kalkung
  • auf kalkreichen Böden Verzicht auf sauer wirkende Dünger
  • Beweidung der Stoppel nach der Ernte möglich
  • keine Zwischenfrüchte, keine Untersaaten
    Ausnahme: Untersaaten möglich wenn in stärkerem Umfang Problemunkräuter vorhanden
  • möglichst weinige mechanische Bekämpfungsmaßnahmen (z. B. Eggen, Striegeln, Hacken)
    Ausnahme: hoher Druck an Problemunkräutern ist vorhanden
  • bei unerwünschter Zunahme von Problemunkräutern:
    ein- bis zweijähriger Kleegrasanbau möglich (als Alternative zur mechnischen und chemischen  Unkrautbekämpfung)

Anmerkung: Ackerwildkrautäcker sollten nicht eingerichtet werden, wenn im Vorfeld schon ersichtlich ist, dass Problemunkräuter auf einem Acker stark verbreitet sind. Treten jedoch während der Bewirtschaftung Problemunkräuter auf, kann wie oben erwähnt (siehe Ausnahme) verfahren werden.


Anmerkung für Ackerrrandstreifen:

  • auf Düngung sollte verzichtet werden
  • der Ackerrandstreifen sollte mindestens eine Breite von 5 m haben

Die Empfehlungen für die Ackerwildkrautbewirtchaftung sind aus Geisbauer, C. & U. Hampicke (2012), PIERNY (1994), WEISS et al. (2013) und MLR (1992) entnommen.

Generell sollten Extensivierungen zur Regeneration der Ackerbegleitflora nur auf Flächen stattfinden, die dauerhaft als Acker genutzt werden. Flächen mit Acker-Grünland-Wechselwirtschaft sind – wie in jüngerer Zeit ackerfähig gemachtes Grünland generell – für diesen Zweck ungeeignet, da nur ein geringer Samenvorrat von Ackerwildkräutern im Boden vorhanden ist, aus denen sich nur „Rumpfgesellschaften" entwickeln. Auf grundwassernahen, überschwemmungsgefährdeten Standorten im Auenbereich und auf Vermoorungen ist generell die Umwandlung der Äcker in Extensivgrünland anzustreben. Auch Flächen zur Saatgutvermehrung sind nicht geeignet zur Extensivierung zum Schutz von Ackerwildkräutern.

Geeignet zur Anlage von Ackerrandstreifen und zur extensiven Ackernutzung sind insbesondere Äcker, die der Produktion von Futtergetreide dienen, da die Vermarktung von Getreide aus extensiver Ackernutzung unter Umständen durch den hohen Anteil an Unkrautsamen und dem dadurch veränderten Tausendkorngewicht der Getreidekörner erschwert wird.



Feldflorareservate:

In sog. „Feldflorareservaten" werden traditionelle Feldfrüchte (z.B. Lein, Flachs, Dinkel, Buchweizen) in traditioneller Bewirtschaftungsweise (Handarbeit, Fruchtfolge, Düngung) angebaut. Neben dem Erhalt alter Kulturpflanzen dienen diese somit der Gewinnung von Saatgut aus der Ackerbegleitflora zu deren Erhalt und zur Unterstützung von Ackerrandstreifen. Beispiele in Baden-Württemberg:

  • Beutenlay (südl. Stadtrand an der B465 Münsingen – Ehingen; Info: 07381/ 182-145)
  • Eninger Weide (bei Bad Urach, Zufahrt über L380 Richtung St. Johann; Info: 07121/892-140)
  • Solitude bei Nattheim
  • Unterböhringen (Kreis Göppingen)


5. Finanzielle Fördermöglichkeiten:

Finanziell können Ackerwildkrautäcker über Zahlungsansprüche der ersten Säule (Direktzahlungen) kombiniert mit FAKT, Landschaftspflegerichtlinie oder Kompensationsverordnung gefördert werden.

FAKT, Landschaftspflegerichtlinie oder Kompensationsverordnung sind auf derselben Fläche nicht miteinander kombinierbar.

Zahlungsansprüche der ersten Säule (Direktzahlungen):

Voraussetzung: jährliche Bewirtschaftung der Fläche muss erfolgen (mindestens 1x im Jahr mulchen; kein Brachejahr)

Landschaftspflegerichtlinie:

Ein Vertrag nach Landschaftspflegerichtlinie läuft in der Regel 5 Jahre und wird von der Unteren Naturschutzbehörde abgeschlossen. Verträge nach Landschaftspflegerichtlinie können nur abgeschlossen werden, wenn eine bestimmte Gebietskulisse z. B. eines Schutzgebietes, eines Projektgebietes oder einer Biotopvernetzung zugrunde liegt (siehe Landschaftspflegerichtlinie Punkt 4. 4. 1.)

Landschaftspflegerichtlinie (LPR) Anhang 1
(Stand Oktober 2015)

Ausgleichsleistung
[€/ ha]

Extensive Ackerbewirtschaftung ohne Pflanzenschutzmittel…

 

... ohne Stickstoffdüngung

590

... mit angepasster Stickstoffdüngung

350

Zulagen Ackerbewirtschaftung (kann zusätzlich zu obigen Sätzen gezahlt werden)

 

Bewirtschaftung in Form von (Rand-)Streifen

100

Maßnahmen auf Flächen hoher Bonität (Ackerzahl > 60)

150

Zusätzliche Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Arten

 

... bei hohem Arbeits- und Beratungsaufwand

340

... bei geringerem Arbeits- und Beratungsaufwand

260

 

Zahlungsansprüche der zweiten Säule (FAKT):

FAKT ist nicht an eine Gebietskulisse gebunden.

FAKT
(Stand Februar 2015)

Ausgleichsleistung
[€/ ha]

Fruchtartendiversifizierung (mind. 5-gliedrige Fruchtfolge)

  75

Ökolandbau Einführung - Acker/Grünland (2 Jahre)

  350

Ökolandbau Beibehaltung -Acker/Grünland

  230

Verzicht auf chem.-synth. Produktionsmittel

  190

Verzicht auf Herbizide im Ackerbau

   80

Anmerkung: Die Inanspruchnahme von 190 €/ha für Ökologischen Landbau schließt die Inanspruchnahme  von Ausgleichsleistungen für Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und Verzicht auf Herbizide aus.


Kompensationsverordnung:

Die Bewirtschaftung eines Ackerwildkrautackers kann als Kompenstionsmaßnahme (+Ökopunke) zur Kompensation von Eingriffen (-Ökopunkten) erfolgen.
Entweder sind der Maßnahmenträger ("Eingreifer") und derjenige, der die Kompensation durchführt, identisch oder die Einstellung der Kompensationsmaßnahme ins Ökokonto kann bei der Unteren Naturschutzbehörde beantragt werden.

Weitere Informationen zu den Förderprogrammen gibt es beim Landkreis (Landwirtschaftsamt oder Untere Naturschutzbehörde).

6. Grunderwerb

Langfristiger Ackerwildkrautschutz:

Es ist erstrebenswert, die ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung hochwertiger Ackerwildkrautäcker über längere Zeiträume zu sichern.
Verträge über FAKT oder Landschaftspflegerichtlinie laufen lediglich 5 Jahre, und ob ein Anschlussvertrag erfolgt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig (z. B. Interesse des Landwirts, Haushaltslage des Landes).
Ein Schritt zur langfristigen Sicherung des Ackerwildkrautackers ist sein Grundwerwerb aus Naturschutzgründen, mit dem Ziel des Erhalts des Ackers als Ackerwildkrautacker.

Daher ist oftmals eine dauerhafte Sicherung der Flächen über Naturschutz-Grunderwerb aus privater Hand in öffentliche Hand (Gemeinde, Land Baden-Württemberg) oder an einen Naturschutzverband bzw. -verein anzustreben.
Voraussetzung: Der Eigentümer des Ackers ist mit dem Verkauf seines Ackers einverstanden.



7. Literatur:

  • van ELSEN et al. (2005): Karlstadter Positionspapier zum Schutz der Ackerwildkräuter. in: Naturschutz und Landschaftsplanung 9/10/2005 S. 284-286
  • GEISBAUER, C. &  U. HAMPICKE (2012): Ökonomie schutzwürdiger Ackerflächen - Was kostet der Schutz von Ackerwildkräutern? Boschüre. Greifswald. 50 S.
  • HOFMEISTER, H. und GARVE, E. (1998): Lebensraum Acker. Parey Verlag
  • INSTITUT FÜR LANDWIRTSCHAFT UND UMWELT (Hrsg.) (2008): Wirksamkeit und Fördermöglichkeiten von Zusatzstrukturen in der Landwirtschaft als Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt Literaturstudie im Auftrag des Deutschen Jagdschutz-Verbandes e.V. ilu-Schriftenreihe Band 16. 80 S.
  • KÜBLER-THOMAS, M. (1988): Schutzprogramm für Ackerwildkräuter. – Arbeitsbl. Naturschutz 8: 1 – 16. LfU, Karlsruhe.
  • LANDESAMT FÜR AGRARORDNUNG NRW (Hrsg.) (1991): Schutz der Ackerwildkräuter und ihrer Lebensräume. Ackerränder in Nordrhein-Westfalen. – Landesamt für Agrarordnung NRW. 14 S.
  • MINISTERIUM FÜR LÄNDLICHEN RAUM, ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT UND FORSTEN (Hrsg.) (1992): Biotopvernetzung in der Flur - Ackerwildkräuter. Bedeutung und praktische Empfehlungen für den Erhalt., MLR-54-92
  • OESAU, A. (2002): Ackerwildkräuter schützen. AID-Heft. 4. überarb. Auflage. 44 S. ISBN 3-8308-0213-7
  • PIERNY, M. (1994) : Bestandsaufnahme zum aktuellen Entwicklungszustand der Ackerbegleitflora und ihre räumliche Differenzierung in Baden-Württemberg. Erstellung eines regionalisierten Bedarfs- und Maßnahmenkonzepts zu Erhalt, Entwicklung und Regeneration des zurückgehenden und gefährdeten Anteil der Ackerbegleitflora in Baden-Württemberg. – Stuttgart. 133 S. (unveröffentlicht)
  • RODI, D. (1984): Modelle zur Einrichtung und Erhaltung von Feldflora-Reservaten in Württemberg. Verh. Ges. f. Ökologie. Band XIV, Hohenheim 1984, S. 167-172
  • SCHUMACHER, W. (1982): Die Pflanzenwelt der Äcker, Raine und Ruderalplätze - Gefährdung - Erhaltung - Pflege. Deutscher Naturschutzring, Bonn. 25 S.
  • WEISS et al. (2013): Ackerwildkräuter am Württembergischen Riesrand

8. Links

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